Michael Farin

Er ist ein «Kulturarchäologe», der sich wie kein anderer auf Ausgrabungen literarischer Texte und vergessener Dokumente versteht. Doch er beschränkt sich nicht darauf, die Fundstücke als tote Zeugen der Vergangenheit auszustellen, sondern erweckt sie durch glanzvolle Inszenierungen zu neuem Leben.

Jüngstes Beispiel: «Hyle» von Raoul Hausmann. Nur Literaturhistorikern, Spezialgebiet Dadaismus, war der Roman bisher ein Begriff: 1969 wurde ein Teil veröffentlicht, doch der Verlag ging Konkurs, das Buch verschwand vom Markt. Farin hat nicht nur das vollständige Manuskript sorgfältig ediert in seinem belleville-Verlag neu herausgebracht, sondern zugleich «Hyle» als Hörspiel adaptiert und selbst inszeniert. Fragmentarisch-assoziativ entfaltet sich die Geschichte, unterstützt von der Musik Zeitbloms: Ein «Traumsein in Spanien», dessen autobiographische Realität sich vermischt mit lautmalenden Wortkaskaden. Eine komplizierte Dreiecksgeschichte, an der die Utopie der freien Liebe zerschellt, zugleich Aufzeichnungen aus dem Exil: Das Hörspiel beginnt mit der Überfahrt nach Ibiza 1933 und endet mit der Flucht 1936, als die Insel von den Faschisten besetzt wird.

Die vielfältigen Interessen und Aktivitäten Farins haben oft einen Bezugspunkt im Film. Hörspiel ist für ihn Kino im Kopf und ihm gelang, was per se unmöglich scheint: Deutsche Stummfilm-Klassiker zum Radio-Ereignis werden zu lassen. «Metropolis» nach Fritz Lang, «Hörspiel des Jahres 2001», ist ein Beispiel für die Kunst Farins, den Kulturschrott des letzten Jahrhunderts zu recyceln als modernes Zeitbild.

www.belleville-verlag.de


Michael Farin, geboren 1953 in Rotenburg/Wümme.

Studium der Germanistik und Philosophie, Promotion. Fachbereichsleiter im Kulturreferat der Stadt München, Verlagslektor.

1982 Gründung des belleville Verlags.
Herausgeber zahlreicher Bücher, u.a. der Werke von Leopold von Sacher-Masoch.

Als Co-Autor von Romuald Karmakar schrieb er die Drehbücher zu den Filmen «Der Totmacher» und «Frankfurter Kreuz».

Am Bayerischen Staatsschauspiel inszenierte er 2000 Yukio Mishimas Stück «Mein Freund Hitler».
Kurator der Ausstellungen «Polizeireport 1799-1999» in München sowie «Phantom der Lust» in Graz (2003) und «polymorph pervers» für das Kunstfest in Weimar (2005).

Michael Farin lebt in München.