Vera Kissel

Ein Debüt, das aufhorchen ließ, obwohl es ein leiser Film ist: «Die Anruferin», gespielt von Valerie Koch, entflieht ihrem tristen Dasein, indem sie sich neue Identitäten leiht. Eine geniale Lügnerin, die sie sich zunehmend in fiktiven Parallelwelten verstrickt und in ihnen unterzugehen droht, sich aber doch befreien kann und zurückfindet in die Wirklichkeit.

«In meinem Kino stoßen keine Autos zusammen, sondern Menschen. Und manchmal nicht einmal das, dann explodiert ein Mensch ganz für sich allein.» Vera Kissel findet ihre Geschichten in den oft übersehenen Dramen des Alltags, doch sie beschränkt sich nicht darauf, die kleinen und großen Katastrophen im Leben abzuschildern. Sie lässt sich auf die Menschen und ihre Schicksale ein, ihre Ängste, Nöte und Sehnsüchte.

«Ich denke nicht in Genres oder Formaten, sondern in Geschichten und Charakteren», hat Vera Kissel bekannt, «und die sind widersprüchlich und komplex.» Herauskommen, wie sie selbst sagt, «Promenadenmischungen», auf die kein wohlfeiles Etikett passt. So wie «Die Anruferin»: weder Sozialdrama noch Thriller noch psychologische Studie, tragisch und komisch zugleich, voller Härte und Grausamkeit, aber auch Zärtlichkeit. «Einfach eine Geschichte, die ich erzählen musste», lautet die lakonische Auskunft von Vera Kissel. Sie wird weiter Geschichten fürs Kino erzählen.


Vera Kissel, 1959 geboren im Odenwald, aufgewachsen im Ruhrgebiet. Studium der Journalistik an der Universität Dortmund.

Vera Kissel trat zunächst als Dramatikerin hervor. «Kalpak» wurde 1997 am Max Gorki Theater in Berlin uraufgeführt; es folgten «Die Apokalypse der Marita Kolomak», uraufgeführt am Düsseldorfer Schauspielhaus 1999, und «Mondkind», uraufgeführt am Bremer Theater 2000.
Für ihre Theaterstücke erhielt sie mehrere Preise und Auszeichnungen sowie Stipendien.

Vera Kissel hat sich auch als Lyrikerin einen Namen gemacht (Gedichtband «Vogelkind», 1998).
Dem Drehbuch zu dem Film «Die Anruferin» ging der gleichnamige Bühnenmonolog voraus, der 2005 am Theater Osnabrück seine Uraufführung erlebte.

Sie lebt als freie Autorin in Potsdam.