René Pollesch
«Irgendjemand lebt mein Leben. Und das bin nicht ich», lautet die Erkenntnis von Heidi Hoh. Wo keine Identität mehr möglich ist, kann es auch keine individuellen Charaktere und keine dramatische Erzählung mehr geben. Folglich haben René Polleschs Theatertexte mit klassischer Bühnenkunst oder gar Literatur nichts gemein. «Rasante Bastarde aus Soziologieseminar und Urschreitheraphie» hat ein Rezensent Polleschs Hörspieltrilogie genannt.«Ich schneide schneller» hieß einer der ersten Pollesch-Texte, und tatsächlich ist dieser Autor, der keiner sein will, mit seiner Sampling-Technik, in der Filme, Trivialmythen, Politökonomie virtuos verschnitten werden, rauschhaft produktiv wie einst Rainer Werner Fassbinder.
Mit seiner TV-Serie «Acht Stunden sind kein Tag» machte RWF in den Siebzigern den Arbeitsalltag zum Thema. Heute wird verlangt, dass jeder täglich 24 Stunden selbstausbeuterisch an seiner Selbstverwirklichung arbeitet, deshalb heißt Polleschs Version «24 Stunden sind kein Tag». Stars aus der alten Fassbinder-Factory wirken in der neuen Soap mit: Irm Hermann singt «Satisfaction», Volker Spengler «Leise zieht durch mein Gemüt».
Das Diskurstheater mit seinen wahnwitzigen Sprechkaskaden erfordert einen Schauspieler neuen Typs, der nicht mit Einfühlung und dem «Kleinen Hey» im Kopf arbeitet. Davon erzählt, gleichsam nebenbei, der Film «Stadt als Beute», der keine Verfilmung des Theaterstücks ist, sondern eine produktive Aneignung. Mit René Pollesch als René Pollesch.
René Pollesch, geboren 1962 in Friedberg/Hessen. Er studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen; erste Stücke und Inszenierungen auf der dortigen Probebühne.
1992/93 erste Auftragsarbeiten und Inszenierungen eigener Stücke für das Theater am Turm in Frankfurt/Main.
Zwischen 1994 und 1998 arbeitslos, nach dieser Zwangspause Wiedereinstieg in die Theaterarbeit zunächst in Luzern; inzwischen einer der meistbeschäftigten Theatermacher. Am Deutschen Schauspielhaus Hamburg inszenierte er 2001 die zehnteilige Serie «www-slums», gedruckt als rororo-Taschenbuch, ausgezeichnet mit dem Mülheimer Dramatikerpreis.
Seit der Spielzeit 2001/02 leitet Pollesch den Prater der Berliner Volksbühne und inszenierte dort u.a. seine «Prater Trilogie».
Für «Cappuccetto Rosso» hat er 2006 den Mülheimer Dramatikerpreis erhalten.
René Pollesch lebt im Theater.