Sabine Wen-Ching Wang
Eine Bahnhofshalle, Stosszeit. Ein Koffer steht einfach so da, mitten in der Umlaufbahn von Micheline. Sie geht auf den Koffer zu, braucht sich nicht zu bücken oder die Hand auszustrecken. «Sein Griff, sein langer Griff, zieht meine Hand an. Passgenau. Und ich geh weiter. Einfach weiter. Und der Koffer rollt hinter mir her. Leise und leicht.»Die erste Szene ihres Hörspiels «Hund Hund» ist eine poetische Urszene: Sabine Wen-Ching Wang liest Geschichten von der Straße auf, sammelt die Bruchstücke eines Lebens, die sich in einem Koffer befinden, sinniert über ihre Geheimnisse, denn auch noch so banale Gegenstände haben etwas zu erzählen. Realitätsfragmente ordnen sich neu zu einer poetischen Wirklichkeit, die im Alltag verschüttet ist.
Die Autorin lebte als Studentin in Taipei, als der Regisseur Claude Pierre Salmony zu einem akustischen Porträt der Stadt anregte. Mit ihrem Minidiscgerät zeichnete sie auf, was sie unterwegs hörte: Die Müllsirene, die Beethovens «Für Elise» spielte, die Schepperkassen im Bus, das Geplapper der Verwandten, das himmlische Gezirp der Zikaden und immer wieder den Regen, der vor den Schiebefenstern niederging. So entstand ihr erstes Hörspiel «Cosmos Hotel».
Ihre Hörspiele sind Kompositionen aus lyrischer Prosa und knapp skizzierten Dialogsituationen. «Ich wechsle gern die Genres», sagt sie. «Ich mag es, wenn eins ins andere greift, sich eine Arbeit in der nächsten ‹fortsetzt›, sei es durch Abgrenzung oder dass plötzlich passt, was zuvor keinen Platz fand, ein Wort, ein Motiv, ein Satz ...» Die leere Bühne im Hörspiel – eine Stimme im Raum, der ebenso unsichtbar bleibt wie der Sprecher – ist eine ideale Spielfläche, um die Magie der Geschichten zu entfalten, die Sabine Wen-Ching Wang in unserer Wirklichkeit aufspürt.
Sabine Wen-Ching Wang, geboren 1973 in Münsterlingen (Schweiz), studierte Sinologie sowie Kunstgeschichte Ostasiens in Zürich, China und Taiwan.
Seit 2006 arbeitet sie als freie Autorin von Hörspielen, Theaterstücken, Lyrik und Prosa.
«Cosmos Hotel» wurde 2000 von Radio DRS 2 produziert und erhielt eine lobende Erwähnung beim Prix Suisse 2001. 2007 folgte «Hund Hund», das im gleichen Jahr für den Prix Europa nominiert war und von zahlreichen Radiostationen gesendet wurde. «Die Einladung» ging 2009 über den Äther.
Ihr Theaterstück «Spinnen» wurde 2003 in Bern uraufgeführt. 2004 zeigte das Schauspielhaus Zürich «Spät», 2009 das Stadttheater Bern «Corea». Auch ein Kinderstück hat sie geschrieben: «Das grüne Küken» (2008).
Ausgezeichnet wurde Sabine Wen-Ching Wang mit zahlreichen Stipendien und Literaturpreisen.
Sabine Wen-Ching Wang lebt in Zürich.