Dani Levy - Mein Führer

Wenn das der Führer wüsste ...
Bei den Dreharbeiten zu Dani Levys neuem Film


Hier herrscht «Closed Set»: Journalisten sind nicht zugelassen. Es gibt keine Fototermine, keine Set-Besichtigung, keine Pressekonferenz. Das Drehbuch wird unter Verschluss gehalten. «Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler», die der Untertitel verspricht, wird noch geheim gehalten.

Den Drehort muss man erst einmal finden. «Ehemalige Russenkaserne Krampnitz» steht auf dem Zettel. Dreimal verfährt sich der Taxifahrer, bevor er irgendwo in der Pampa, 25 km von Berlin entfernt, vor einem verlassenen Militärgelände hält. Hier wacht die Securitas, steht auf dem Schild, aber die windschiefe Pforte ist kein echtes Hindernis. Mehr Eindruck macht die Warnung: «Von der Liegenschaft gehen erhebliche Gefahren für Leben und Gesundheit aus. Insbesondere von: Bauwerken, Unterirdischen Anlagen, Munition und Munitionsteilen».

Die Kaserne wurde 1937 als Kavallerie-Schule errichtet, doch bald wurden aus Stallanlagen Garagen: Panzer verdrängten die Pferde, und General Guderian, Chef der «Schnellen Truppen», übernahm das Kommando. Die Russen besetzten Krampnitz Ende April 1945 und ließen sich dort dauerhaft nieder. 30.000 sowjetische Soldaten lebten hier, überformten die Nazi-Architektur mit ihren Insignien (und legten, um ein bisschen Heimatgefühl zu pflanzen, Birkenwäldchen an). Seit dem Abzug der Truppen 1993 rottet das Gelände still vor sich hin.

Das vergessene Areal ist riesig: Mannschaftsunterkünfte, Fähnrichsheim, Militärgefängnis, Panzerhallen, Kohlebunker, betonierte Straßen, die inzwischen aufgerissen sind – die Natur erobert sich das Land zurück. Die Scheinwerfer beleuchten das ehemalige Offizierkasino, hier wird gedreht.

Helge Schneider spielt Hitler. Mit Gummimaske, täuschend echt – «Mein Führer» ist kein Klamauk-Film, kein Comedy-Trash, sondern eine klassische Farce im Lubitsch-Stil. Dani Levy hat mit «Alles auf Zucker!» den jüdischen Humor in das deutsche Kino zurückgebracht. Der jüdische Humor schreckt bekanntlich vor nichts zurück, schon gar nicht vor dem Führer.

Wir schreiben das Jahr 1944, genauer: den 27. Dezember 1944. Der Krieg, der totale Krieg ist so gut wie total verloren. Der Untergang, das kennen wir – oder vielleicht doch nicht? Der Führer nur noch ein Wrack, keine Spur mehr von Charisma, soweit bekannt. Goebbels weiß, dass nur einer noch das Ruder herumreißen kann: Prof. Grünbaum, Hitlers alter Schauspiellehrer. Dummerweise sitzt der im KZ, muss also schnellstens aus Sachsenhausen herangeschafft werden ... Und nun steht er in der Reichskanzlei, im Büro des Reichsministers Obersturmbannführer Dr. Goebbels.

Diese Szene wird gerade gedreht. Goebbels gibt sich ganz jovial: «Tja, die Endlösung sollten Sie nicht gegen sich persönlich nehmen, mein lieber Grünbaum. Hätte ich gewusst, dass Sie ... nun ja, Schwamm drüber. Wir brauchen Sie. Der Führer braucht Sie. Das deutsche Volk braucht Sie.»

Goebbels wird gespielt von Sylvester Groth, Prof. Grünbaum ist Ulrich Mühe. Die Besetzungsliste von Dani Levys Film steht der gut viermal so teuren «Untergang»-Produktion der Constantin in nichts nach: Stefan Kurt ist Speer, Ulrich Noethen Himmler, Katja Riemann Eva Braun. Lambert Hamel spielt eine Figur namens Rattenhuber. Außerdem wirken mit: Lars Rudolph, Ilja Richter, Hinnerk Schönemann, Meret Becker u.a. Produziert wird der Film von Y Filme Directors Pool, einem Zusammenschluss von Levy, Tom Tykwer und Wolfgang Becker, der ebenfalls eine kleine Rolle (als KZ-Kommandant) übernommen hat.

Später am Nachmittag wird draußen gedreht, im offenen Gelände vor Blue Screen und Ruinen im Hintergrund. Was hier noch nicht kaputt war, hat eine andere Filmproduktion vor ein paar Jahren verwüstet: Jacques Annaud hat in Krampnitz sein Stalingrad-Drama «Enemy at the Gates» gedreht.

Der erste Drehtag war am 17. Januar im ehemaligen Kammergericht in Berlin-Charlottenburg, Witzlebenstraße; hier war 1936 bis 1943 der Sitz des Reichskriegsgerichts. Einen Tag nutzte man die «Berliner Straße» im Studio Babelsberg, seit «Sonnenallee» ein beliebtes Kulissen-Motiv. Dann zog die Filmcrew um in die Einöde, zehn Drehtage in der verlassenen Kaserne. Der letzte Drehtag am 6. März: eine Massenszene mit Hunderten von Komparsen, gedreht mitten in Berlin. Das ließ sich nun nicht mehr klammheimlich bewerkstelligen. Touristen, die von der Museumsinsel rüber auf den Berliner Dom schauten, sahen plötzlich Hakenkreuzfahnen.

Den angeheuerten Komparsen hatte man erst am Vortag per e-mail den Drehort mitgeteilt, aber am nächsten Morgen war die Presse vollständig versammelt, kam zwar nicht auf das abgesperrte Gelände vor dem Alten Museum und dem Lustgarten, schoss aber mit dem Teleobjektiv ganze Serien von Fotos. Und unter den Komparsen waren, wen wundert’s, ebenfalls reihenweise Journalisten.

Am Tag drauf hatte die Berliner Presse ihren Aufmacher. «Ein durchgeknallter Sänger als Hitler – darf man das?» sorgte sich die «Bild»-Zeitung (und fragte vorsichtshalber nach bei Paul Spiegel vom Zentralrat der Juden in Deutschland).

So groß die Zeitungsberichte auch waren, es stand nichts drin – keiner kennt das Drehbuch. Der überall zitierte Satz über den Film war kein aktuelles Statement des Regisseurs, sondern stammte aus einer alten Mitteilung des Medienboards Berlin-Brandenburg. Die Förderentscheidung alarmierte sofort die «National-Zeitung»: Gerard Menuhin war empört, dass «ein Mensch wie Dani Levy» auch noch «Staatsknete» erhalte.

Übrigens: Es gab ihn wirklich, den Schauspiellehrer, der Hitler das Reden beibrachte. Der Opernsänger Paul Devirent begleitete den NSDAP-Chef ein halbes Jahr auf seiner Wahlkamptour 1932, trainierte gegen Monatsgage mit ihm Rhetorik und Gestik. Seine Aufzeichnungen wurden erst posthum publiziert, denn für Devirent war es ein lebenslanges Trauma, dass er den Redner Hitler schulte und so zur Macht verhalf. Das war 1932, danach hatte er keinen Kontakt mehr zum Führer – Levys Geschichte ist natürlich reine Fiktion oder eben «die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler».


© Text und Fotos: Michael Töteberg
Dani Levy - Mein Führer

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