Das Kino der Autoren:
Nils Mohl über Victoria

Victoria – Eine 140-Minuten-Dosis Risiko in Echtzeit

Bei der Premiere in Hamburg sitzt in Reihe zwei eine Frau. Dem Alter nach könnte sie Victorias Großmutter sein. Kurzes Silberhaar. Dezentes Make-up, Schmuck aus Holzkügelchen. Das Herz schlägt sicher links, auch politisch, wobei das an Alster und Elbe ja immer so eine Sache ist. Jedenfalls: Hundertprozent Bildungsbürgertum. Aber auf wen trifft das schon nicht zu im Abaton Kino an diesem Abend?
Die Vorstellung ist vorbei.
Sebastian Schipper, Regisseur und, wenn man so will, Victorias Vater, hat vorne an der Rampe Platz genommen. Er bekommt es hin, ein Mikrofon zu halten und dennoch die Arme eng vor der Brust mit der Jeansjacke zu verschränken.
Die silberhaarige Dame hat eine Frage.
«Bitte!»
Und dann geht es los. Ganz am Anfang. Die Dame erzählt, minutiös. Man könnte wirklich meinen, hier erzählt eine Großmutter von ihrer Enkelin. Und zwar so, als wäre sie dabei gewesen, am Ende dieser Nacht, in der es drunter und drüber ging für Victoria.
Victoria (Laia Costa): in einem Kellerclub. Ballernde Bässe, Schummerlicht. Alkohol, vermutlich auch Drogen, meint die Großmutter. Und am Horizont lacht bereits Sonne (Frederick Lau) ums Eck, der Typ, der einen nicht eben kleinen Anteil daran haben wird, dass die Welt der jungen Frau, die noch so mädchenhaft unschuldig aus braunen Rehaugen guckt, aus den Angeln gehoben wird.
Wo bleibt die Frage?
Aus Schippers Mimik spricht Unruhe. Erzählt die Silberhaarige jetzt etwa die ganzen 140 Minuten nach – ohne Unterbrechung? Sie könnte es, kein Zweifel. Und es wird klar: Jeder im Kino könnte das. Keine schlechte Pointe, bei einem Film, der in einem Take gedreht wurde.
Schipper lächelt schief und setzt humorlos auf das Mittel, auf das er für seine Geschichte gegen die Gepflogenheiten des Erzählkinos komplett verzichtet hat – auf den Schnitt. Bevor alles wiederholt wird …
Wie Victoria mit Sonne und den anderen Straßenkötern im Schlepp, Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yiðit) und Fuß (Max Mauff) in einem Spätkauf klauen geht, ein Hochhausdach besteigt, ein Klavierkonzert in einem geschlossenen Biocafé gibt, wie sie ein geklautes Auto lenkt, in einer Tiefgarage auf finstere Halbweltsgestalten trifft, Koks schnieft, einen Überfall auf eine Privatbank verübt, noch einmal tanzen geht, von der Polizei gejagt wird, Kugeln in Beton und Leiber hageln sieht und hört, wie sie sich in einem Wohnblock verschanzt, ein Baby als Geisel nimmt, im Taxi flieht, in einem Hotelzimmer landet, um schließlich eben so allein wie zu Beginn in den Morgen zu entschwinden …
Aufregende zwei Stunden und 20 Minuten.
Für Victoria.
Für das Publikum meist auch.
«Was war jetzt die Frage?», will Schipper wissen.
Lustig: Es ist keine zur Form, sondern zum Inhalt. Was das denn für ein Mädchen sei, will die Frau wissen, die Schippers Mutter sein könnte. Nie im Leben hätte die Gute sich auf diese Jungs einlassen dürfen. All die ganzen falschen Entscheidungen! Und dann die Drogen!


Zwischenschnitt 1: Die Jugend

«Niemand will erwachsen werden.» So empfand das Schipper, als er selbst etwa in Victorias Alter war, im Jahr 2000. Sein Regie-Debüt «Absolute Giganten» lief im Kino. Die Versuchsanordnung der Geschichte ähnelt der seines neuen Films.
Eine Nacht und der Morgen.
Drei Freunde ziehen durch die Großstadt, in diesem Fall nicht Berlin, sondern Hamburg. Floyd, Ricco und Walter fordern von der Welt und dem Leben das Gefühl ein, dass sie, Welt und Leben, einem etwas zu bieten haben. Und so klappern sie dann mit kindlicher Sehnsucht nach dem großen Abenteuer die Spielplätze der Erwachsenen ab.
Natürlich im Auto.
Natürlich stecken sie unterwegs kräftig ein.
Natürlich stoßen sie auf Gefährten und an ihre Grenzen, wachsen über sich hinaus und retten die eigene Haut, ihre Freundschaft und ein Mädchen.
Am Ende gibt es Pistazieneis.
Die süße Belohnung. Für die Mühen. Für die Melancholie. Ein Trostpflaster, das dem Abschied von der vermeintlich unbeschwerten Zeit den Schmerz nicht nimmt, aber den Schmerz für den Moment ein wenig lindert.
Wer Nostalgie mag, dem muss das gefallen, der darf das glauben: Niemand will erwachsen werden. Und schon gar nicht erwachsen sein. Die Furcht, die dahinter steckt, lautet sehr wahrscheinlich: Erwachsene sind Menschen, denen die wirklich kostbaren Dinge im Leben weniger bedeuten. Freundschaften zum Beispiel. Erwachsene gehen nicht aufs Ganze. Erwachsenen fehlt Hingabe, die Fähigkeit, sich dem Moment mit Leidenschaft auszuliefern. Euphorie und Abenteuerlust wird damit zum Vorrecht der Jugend. Und so weiter.
Wo das herkommt?
Vielleicht ja aus Filmen?
Natürlich spiegeln Geschichten die Befindlichkeiten ihrer Zeit. Und spätestens seit James Dean, dieser erstaunlich langlebigen Jugendikone, hat die Rebellion der Nachwachsenden ein prototypisches Leinwandgesicht.
Giganten, hieß James Deans letzter Film.
In die Kinos kam er 1956.
Die Rebellion im Zeichen der Angst vor dem Erwachsenwerden überdauert seit mehr als einem halben Jahrhundert. Die Fackel wird von Generation zu Generation weitergereicht. Die Grundhaltung bleibt. Die Zeiten allerdings ändern sich. Die zig Rebellionen haben tatsächlich Spuren hinterlassen.
Das kann einen umtreiben.
Schon ein paar Jahre her, da stellte Schipper fest: «Auch unsere Väter und Mütter sind ja schon nicht mehr wie Väter und Mütter, sie wollen auch gerne Kumpels und Vertraute sein. Keiner will erwachsen werden, jeder zögert das so lange wie möglich hinaus - und geht das commitment, die Zusage, das Unumstößliche so spät wie möglich ein.»
Elf Jahre waren da seit seinem Debüt vergangen. Und es wäre nicht weiter bemerkenswert, dass sich jemand wiederholt und seinen Überzeugen treu bleibt, wenn «Victoria» ein Aufguss oder bloß eine Variation auf ein altes Thema wäre.
So einfach ist das aber nicht.
Die Jungs aus «Absolute Giganten» waren, wenn man so will, noch die typisch liebenswerten Looser, an die man bedenkenlos sein Herz verlieren durfte, weil das bei denen ja auch am richtigen Fleck saß. Und Telsa, das Mädchen, ihr Mädchen, das so toll mit Giganten-Cowboyhut aussah? Ornament. Wie die Elvis-Tolle der Hauptfigur. Wie die Gitarre, die umher kutschiert, aber nie gespielt wurde.
Ein Ensemble aus Abziehbildern letztlich.
Passte ja auch prima zum sentimentalen Grundgefühl.
Wenn Victoria, die Spanierin, die kein Deutsch spricht, anfangs mit den vier Berliner Straßenkötern unterwegs ist, gibt es Momente, die zunächst ähnlich funktionieren. Die holprige Verständigung im Touristenenglisch zwischen den Jungs und Victoria hat etwas Rührendes. Oder: Harte Kerle, die über den Dächern der Stadt kiffen und gleichzeitig das Mädchen ermahnen, wegen der Lautstärke beim Reden Rücksicht auf die Nachbarn zu nehmen – putzig. Oder: eine akrobatische Fahrt auf einem Gepäckträger – immer hübsch. So lässt sich das Jungsein feiern.
Aber: Victoria fürchtet sich gar nicht vor dem Verlust der kindlichen Unschuld. Sie sehnt sich nicht in eine Zeit zurück, in der alles leichter und besser war. Wir erfahren in der vielleicht schwächsten Szene des Films das Geheimnis dieser Figur. Das Mädchen spielt dem Aufschneider Sonne auf dem Klavier etwas vor. Den Teufelswalzer von Liszt. Und Victoria berichtet: Sie hat ihre Jugend geopfert, um Pianistin zu werden – und ist gescheitert.
Heißt: Sechzehn Jahre Leben buchstäblich zum Teufel.
Heißt: Die Frage, ob sie erwachsen werden will oder nicht, stellt sich für Victoria gar nicht. Es gibt auch nichts nachzuholen: Lebensentscheidungen haben Folgen, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.
Die Szene ist womöglich deshalb nicht sonderlich packend, weil das Drama doch ein wenig dahin behauptet bleibt. Trotz Aufführung eines Privatkonzerts. Kurz katapultiert uns die Episode aus der Echtzeit hinaus in eine vage Vergangenheit.
Andererseits: Aus dem Flirt wird für Sonne in diesem Moment mehr. Der junge Mann versteht, dass die junge Frau in einer anderen Liga spielt als er. Das weckt in ihm Sehnsüchte und Begehrlichkeiten, die neu für ihn sind. Denn für diese Frau müsste Sonne erwachsener sein.
Vielleicht ist das ja doch nicht so unattraktiv?
Als Coming-of-Age-Film hat Victoria deutlich mehr zu bieten als Nostalgie. Auf den ersten Blick ist das vielleicht gar nicht so offensichtlich. Tatsächlich kommt das Drama nur ins Rollen, weil die Jungs offenbar nicht in der Lage sind, sich aus ihren kindlichen Rollenmustern zu befreien.
Boxer, Sonnes Kumpel, war im Knast. Dort genoss er den Schutz von Andi (André M. Hennicke). Und dieser Andi, die elterliche Autorität, verlangt nun den Payback. Die Jungs sollen eine Privatbank überfallen.
So ist das mit dem Erwachsenwerden eben auch: Wer sich nicht beizeiten abnabelt und die Verantwortung für sich selbst und sein Handeln übernimmt, der wird schnell zur albernen und tragischen Marionette.
Dumpfe Ohnmacht gegen hilflose Ohnmacht.
Das sind die beiden Modelle, die Schipper in seinen Film aufeinander prallen lässt: Victoria, die junge Frau ohne Jugend auf der einen Seite. Und die Sonne-Jungs, Berufskindsköpfe auf der anderen Seite.
Damit ist der Film auch mehr als eine Bebilderung der streitbaren Diagnose: Niemand will erwachsen werden. Er stellt die ungleich interessanteren Fragen, die da lauten: Was bedeutet es überhaupt, erwachsen zu werden – und wer überlebt das?


Zwischenschnitt 2: Die Künstlerexistenz

Schippers Herz schlägt für die Jungen. Über den Schauplatz Berlin sagt er in einem Interview zu «Victoria»: «Ich mag einfach an der Stadt, dass sie so vielen jungen Leuten Unterschlupf bietet. Unsere Welt meint es nämlich oft nicht besonders gut mit denen» – und damit meint er auch, dass es ein Jammer ist, wie verdammt schwer es heute Heranwachsenden gemacht wird, die Welt mitzugestalten.
Die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa.
Die fehlenden Mittel für Soziales und Armutsbekämpfung.
Der perfide Kampf um die vermeintlich Besten und Begabtesten.
Im Hintergrund flackern die Themen hier tatsächlich auf: Die Figur Victoria ist Getriebene und Opfer ihrer Zeit. So könnte man das sehen. Im selben Interview sagt Schipper aber auch: «Etwas musste in ihr arbeiten und als wir sie dann als Idealistin anlegten, passte plötzlich alles: Wenn Victoria an etwas glaubt, zieht sie es bedingungslos durch.»
Schippers Herz ist natürlich ein Künstlerherz.
Victoria, so erzählt es dann auch die Geschichte, ist eine gescheiterte Künstlerin. Und die Begeisterung des Regisseurs für den Idealismus seiner Figur sagt vermutlich nicht eben wenig über Schippers eigene Befindlichkeit.
Als er seine Geschichte entwickelte, lagen Jahre Arbeit an einem anderen Stoff hinter ihm, der sich offenbar nicht bändigen ließ. Auch das erzählt Schipper heute gerne in Interviews.
Die Sackgasse – ein Berufsrisiko.
Die Qual einsamer Arbeit.
Wolfgang Herrndorf, ungefähr Altersgenosse von Schipper, hat in seinem Blog «Arbeit und Struktur» eine qualvolle Situation, in der sich der Künstler selbst in Frage stellt, einmal so geschildert: «Ich tobe, ich beruhige mich, dann tobe ich wieder, angetrieben und aufgedreht von der immer wieder sofort in Motorik übersetzten Erkenntnis, dass alle in diese Bilder und Zeichnungen gesteckte Energie, dass zehn oder fünfzehn Jahre einsamer Arbeit sinnlos waren. Und dass noch einmal genauso viele Jahre, die ich seitdem – mit vielleicht etwas mehr Erfolg – ins Schreiben investiert habe, am Ende genauso sinnlos gewesen sein werden.»
Die Figur Victoria wird innere Beben dieser Art kennen.
Schipper auch.
Und wenn man so will, ist der ganze Film auch ein Ausdruck der Folgen, die mit dem Gefühl der Sinnlosigkeit einhergehen, wenn man sich am Boden sieht.
Die verschwendete Energie!
Und was jetzt?
Was fange ich an mit meinem Leben?
Schipper hat sich für einen Bankraubfilm entschieden. Und auch das ist eine fulminante Steigerung zu seinem Erstling. In den «Absoluten Giganten» waren noch Kleinkünstler am Werk, einer der Höhepunkte zeigte die Helden beim Kickerspiel – da ging es um ein paar lausige Kröten und ein Auto.
Ein Bankraub – das ist ein ganz anderes Kaliber.
Normalerweise sind in diesem Genre deshalb auch echte Künstler am Werk.
Die Masken!
Ein ausgebuffter Gangster schlüpft für den Coup ins Kostüm. Und darunter verbirgt sich selbstverständlich eine zarte Künstlerseele. Mehr oder weniger wahllose Beispiele an großen Genrehelden aus den letzten Jahrzehnten:
• Der kultivierte Ex-Kunstflieger Charley Varrick (Walter Matthau) der in «Der große Coup» (1973) von Don Siegel mit Akribie einen Kleinstadt-Bankraub plant – und plötzlich mit einem stattlichen Batzen Mafiageld zu jonglieren hat.
• Der genialische Eigenbrödler Neil McCauley (Robert De Niro), der in «Heat» (1995) von Michael Mann ein Leben auf ausgetüftelter Dauerflucht führt – und plötzlich seinen Traum vom Ruhestand in Scherben fliegen sieht, als er bei seinem letzten Überfall verraten wird.
• Der sensible Ganovenspross Doug MacRay, der in «The Town» (2010) von und mit Ben Affleck an seinem Ausstieg aus dem Milieu arbeitet – und plötzlich den eigenen Boss und die Komplizen bekämpfen und austricksen muss.
Diese Verbrecher tragen alle ein bestimmtes Berufsethos zur Schau. Sie stehen außerhalb der Gesellschaft, aber in ihrer Welt gelten strenge moralische Regeln. Das macht sie als Helden brauchbar.
Victoria, die Heldin aus Schippers Film, macht da keine große Ausnahme. Sie ist zwar nur Bankräuberin aus Verlegenheit, der Raub ist erbärmlich geplant und ohne Zweifel ein Himmelfahrtskommando, aber sie nimmt die Herausforderung weder leichtfertig noch zufällig an.
Sie hilft.
Sie hilft – womöglich auch aus romantischen Motiven. Sonne, der sie um Hilfe bittet, ist ein durchaus charmanter Kerl. Ein Aufschneider mit Witz und Teddybärblick und passablen Manieren, der lieber Kakao statt Kaffee trinkt – ein großes Kind eben.
Sie hilft auch aus Abenteuerlust. Es gibt da den Drang nach dem Gegenteil von Disziplin, ganz sicher. Nicht zufällig sieht man sie am Anfang tanzen – der Körper darf und soll die Kontrolle übernehmen.
Sie hilft vor allem aber aus Solidarität.
Nicht weil man das eben so macht unter jungen Leuten, sondern weil Victoria sich wahrscheinlich danach sehnt, was die Jungs leben – Zusammenhalt. Viel haben sie sonst nicht, viel können sie vermutlich auch nicht. Aber einer kann sich auf den anderen verlassen. Zumindest solange der Alkohol oder sonst was einen nicht ausknockt wie das Geburtstagskind Fuß.
Das ist wahrscheinlich das, was Schipper an Idealismus in Victoria sieht: Die gescheiterte Einzelkämpferin glaubt an die kleinen Lebenskünstler von der Straße. Das will sie zumindest. Und als Belohnung winken Momente des Glücks.
Das Glück des Adrenalinrausches.
Das Glück des Augenblickes.
Das Glück des Gelingens einer gemeinsamen Unternehmung.
Natürlich muss auch die Zeche gezahlt werden. Aber eben das macht diesen Film so packend. Nach dem Banküberfall, wenn es wieder in den Club geht, möchte man die Figuren augenblicklich schütteln und dazu verdonnern, sämtliche Bankraubfilme der letzten Jahrzehnte anzuschauen.
Es geht immer schief, wenn nach dem Coup die Zügel schleifen gelassen werden. Aber das ist ja das Dilemma: Wohin führt Verzicht am Ende? Der Film behauptet: Nachher stehst du allein mit deinen Talenten da. Jahre um Jahre investiert für den Erfolg, der sich am Ende doch nicht einstellt.
Künstlerpech.
Sinnlos, vielleicht.
Ernüchternd ganz sicher.
Aufs Ganze gehen, wovon die Jungen träumen, wenn sie aufgeweckte Träumer sind, bedeutet Wagnis. Gefahr. Enttäuschung. Leid. Das verheimlicht die Geschichte nicht eine Sekunde. Aber sie erzählt auch, dass es im Grunde keine Alternative gibt. Jedenfalls nicht für die wachen Träumer, jung oder alt.
Und das erzählt der Film nicht, indem er die Figuren artig mit heiler Haut davonkommen und Pistazieneis löffeln lässt, sondern indem er ihnen 140 Minuten lang auf die Pelle rückt. Ohne Unterbrechung.


Zwischenschnitt 3: Die Montage

Zwei Schnitte besitzt auch Victoria. Vorne und hinten. Das kennen wir, so sieht das im richtigen Leben aus. Ein Take – das ist ja eigentlich die Norm.
Zwischen Aufwachen und Einschlafen.
Zwischen Geburt und Tod.
Die Kontinuität.
Im Gespräch mit dem literarischen Montagekünstler Michael Ondaatje meinte Walter Murch einmal: «Der augenblickliche Übergang beim Schnitt ähnelt nichts, was wir im täglichen Leben erfahren und was eine fortgesetzte Einstellung vom Aufwachen bis zum Schlafengehen zu sein scheint.»
Walter Murch hat Filmkunstwerke wie «Apocalypse Now» (1979) und «Der englische Patient» (1996) geschnitten. Und er ergänzt: «Es hätte mich nicht gewundert, wenn man den Filmschnitt ausprobiert und dann wieder abgeschafft hätte, wenn er eine Art Seekrankheit hervorgerufen hätte. Aber das tut er nicht: Wir halten das gerne aus und haben sogar Spaß an diesen plötzlichen Übergängen, auf die uns anscheinend nichts in unserer Evolutionsgeschichte vorbereitet hat.»
Das stimmt natürlich nur so halb.
Beim Erinnern und im Schlaf beim Träumen oder beim Sich-Versenken in eine Geschichte – wird sind vorbereitet. Es existieren reichlich Strategien, der Kontinuität und der alltäglichen Wirklichkeit zu entkommen.
Wozu die Montage in der Fiktion unheimlich hilfreich ist: Ereignislosigkeit zu vermeiden. Was meist bedeutet: Zeit zu raffen. Sie hilft beim Geschichtenerzählen auch, um Zusammenhänge zu verdeutlichen. Sie macht es möglich, zu lenken und zu steuern, die Illusion von Folgerichtigkeit, Vollständigkeit und Glaubwürdigkeit herzustellen. Wenn Schipper auf dieses Mittel der Gestaltung in «Vicoria» verzichtet, hat er offenbar ein Experiment gewagt. Kein Schnitt.
Nur: Wozu das?
Die Geschichte besitzt ein traditionelles Erzählgerüst. Nach guter alter Schule setzt Schipper beinah brav auf einen pyramidalen Aufbau mit Exposition, Steigerung, Umschlag, Verzögerung und Showdown. Alles da.
Und große Abstriche sind erstaunlicherweise auf keiner Ebene nötig.
Die Action funktioniert.
Autofahrten, Schießereien, Partyszenen – alles drin.
Ständige Schauplatzwechsel.
Fahrstühle und Treppen gibt es gleich an mehreren Stellen. Wer auch nur ein bisschen über Film weiß, wird sich während der 140 Minuten immer wieder fragen: Wie war das logistisch nur möglich? Ist ja verrückt.
Aber wenn man so will, gelingt die Geschichte eben auch, weil die Montage einfach bereits fantastisch in der Chronologie des Handlungsablaufs angelegt ist. Die Raumdramaturgie ist mindestens ebenso brillant wie die Arbeit des Kameramanns Sturla Brandth Grøvlen.
Victoria befindet sich immer im richtigen Moment am passenden Ort. Gleich zu Beginn im Bauch der fremden Stadt, von wo aus sie ihren späteren Mitstreitern im Schummerlicht der Laternen vor die Füße gespült wird. Im gläsernen Terrarium eines Cafés, wenn sie Sonne ihr Geheimnis offenbart. Im beweglichen Raum eines gestohlenen SUV, wenn sie etwas riskiert.
Und so weiter.
Bis hin zu den letzten ruhigen Schritten im Freien – fort in die Offenheit und das natürliche Licht eines hellen Morgens.
Die Topographie stimmt. In jeder Sekunde der einen langen Einstellung. Schnitt nicht nötig. Der Filmemacher Klaus Wyborny hat mal behauptet, Schnitt sei eine Technik des Verbergens. Schnitt – Zensur – Kastration: Für ihn gibt es da einen erkennbaren Zusammenhang. Und er meint: «Viele, die von Montage sprechen, verbergen, was sie wirklich ist.»
Und bedenkt man das, geht einem auf, was Schipper mit seiner Entscheidung für nur einen Take nicht wollte: Das verbergen, was eigentlich das Leben in unserer Wahrnehmung ist. Kontinuität. Ungeschnitten.
Und drückt einen nicht genau das beim Schauen des Films in den Sessel? Mit jeder Minute tiefer? Rückblickend kann man es ja kaum fassen: Was Victoria, die junge Frau aus Spanien, am Ende der Nacht in nicht einmal zweieinhalb Stunden erlebt hat, war ein Kinofilm, der sich aber gründlich gewaschen hat.
Ohne Schnitt.
Was dem Live-Gefühl bei einem Konzert oder im Stadion natürlich sehr nahe kommt. Ereignisse, die davon leben, dass das Ergebnis offen bleibt. Übertragen auf «Victoria» bedeutet das: Wir haben quasi den Eindruck, hautnah dabei zu sein. Auf die Art steigert der Film die Illusion, keine Figuren zu begleiten, sondern wirklich Menschen aus Fleisch und Blut.
Auf Facebook postete Florian Kessler verzaubert nach dem Kinobesuch: «Ist ja fabelhaft, der Victoria-Film. Das Freundliche-Trantüten-‚Oh Boy’-Jahrzehnt kann zurückgeschlagen werden!» Florian Kessler, Kulturjournalist und Lektor, der vor einiger Zeit mal damit ein wenig Aufsehen erregte, dass er die Gegenwartsliteratur an der Herkunft ihrer Urheber maß.
Alles Professorensöhnchen und Arzttöchterchen.
Bildungsbürgernachwuchs eben. Wie Kessler selbst.
Keine Verlierer.
Keine Gescheiterten.
Aufgewachsen in der Kontinuität von Lebensläufen, die wirklich tiefe soziale Abgründe zum Glück nur aus der Fiktion kennen.
Was ganz wunderbar zur Geschichte dieses Films passt.


Zurück auf Anfang: die Echtzeit

Gut möglich, dass es eine Frage der Generation ist. Ganz sicher ist es eine der Weltanschauung. Der Regisseur schneidet der silberhaarigen Dame im Abaton also das Wort ab. Er hat von ihr die Stichworte bekommen, die er braucht.
Komplett anders sehe er die Dinge, erklärt er.
Die freie Hand rührt nun in der Luft. Der Körper unter der Jeansjacke spannt sich. Für ihn sei völlig klar, dass Victoria genau die richtigen Entscheidungen treffe. In ihrer Zeit am Konservatorium habe sie ein Leben als Richtigmacherin geführt, und das sei doch die Katastrophe.
Schipper sagt es nicht direkt, aber die Fürsorge, die man erfährt, solange man funktioniert, die ist für erwachsene Menschen doch Mist. Weil sie zwangsläufig auf Enttäuschungen hinausläuft, weil dafür immer eine Gegenleistung fällig wird. Früher oder später.
Davon erzählt Victoria.
Von den Schuldnern, die sich für die Fürsorge erkenntlich zeigen müssen.
Von Fürsorge muss man sich frei machen.
Echte Solidarität ist besser – auf die kommt es an.
Davon erzählt Victoria.
Von dem guten Gefühl, gebraucht zu werden. Von der Hoffnung, dass da draußen jemand ist, für den es sich lohnt, etwas zu riskieren.
Ein Aspekt der Schipper offenbar sehr am Herzen liegt. Auch Journalisten erzählt er das zum Kinostart seines Filmes so: «Ich wünsche mir, dass auch im Film wieder mehr Unberechenbarkeit möglich ist. Immer nur auf Nummer sicher zu gehen, das ist eigentlich das Gefährlichste.»
Risiko.
Für Schipper ist das Wort positiv besetzt.
Für die Dame, die seine Mutter und Victorias Großmutter sein könnte, wohl eher nicht. Man kann den Film «Victoria» problemlos als beklemmenden Thriller sehen, der die Heldin auf einem alptraumhaften Trip durch die Nacht begleitet.
Man kann ihn aber auch anders sehen.
Als eine Parabel mit rebellischem Gestus.
Dazu gleich mehr.
So oder so: Das Experiment, das hier unternommen wird, gibt der Sehnsucht Schippers und seiner Idee vom Kino mehr als eine Form. Ein Take über 140 Minuten, das bedeutet Risiko. Das verlangt dem Ensemble und dem Team einen Kraftakt ab. Auch körperlich. Und diese starke Körperlichkeit hat viel mit der Sehnsucht nach Risiko zu tun.
Wie sieht denn der Alltag normalerweise aus?
Sagen wir, von Menschen im Alter zwischen Victoria und Schipper. Bei denen, die im Augenblick noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben sind. Oder bei denen, die mit ihrem gefundenen Platz nicht völlig glücklich werden.
Für wie viele ist der Körper heute denn lediglich Transportmittel, um den Kopf von Bildschirm zu Bildschirm zu bringen? Wo wartet der Kick in dieser Kontinuität aus wahllos austauschbaren Momenten?
Risiken minimieren.
Leistungen bringen, die nicht darin bestehen, besonders herausragend zu arbeiten, sondern besonders berechenbar.
Den Status quo erhalten.
Wer da quer schießt, stellt die natürliche Bedrohung für alle dar, denen an der Änderung des Status quo nicht gelegen ist. Gewagte Unternehmungen bringen Veränderungen und stellen das Vorhandene infrage – und das stört.
Erinnert sich jemand an reale 140 Minuten am Stück, die so intensiv gewesen wären wie in diesem Film?
Es gibt Geschichten, die treffen den Nerv ihrer Zeit und ihre Zuschauer ins Mark. Es gibt Filme, von denen man ahnt, dass sie über die Saison hinaus Bestand haben werden. In seltenen Fällen weiß man das sofort.
«Lola rennt» (1998) von Tom Tykwer war so ein Fall.
Auch ein unerhörtes Spiel mit Form und Zeit. Der Film führte vor, wie Kleinigkeiten den Unterschied machen. Und stellte ähnliche Fragen wie «Victoria». Nicht zuletzt die nach dem eigenen Handlungsspielraum in dieser Welt.
Um seinen Lebenslauf aktiv zu gestalten – was braucht man dafür?
Schipper gibt mit «Victoria» darauf vielleicht keine eindeutigen Antworten. Aber er weckt immerhin die Lust, etwas für den Lebenslauf zu riskieren.
140 Minuten, die es lohnen, erlebt zu werden.
Am Stück.
Die Sehnsucht danach ist groß.
«Victoria» bekommt Preise, über den Film wird geredet.
Eine 140-Minuten-Dosis Risiko.
Für eine Flucht aus dem kommoden Bildungsbürgeralltag. Damit wäre man sicher schon mal, um es mit Sonne zu sagen: «A little bit glücklich.» Oder sogar mehr. Wie mit «Victoria».


© Text: Nils Mohl; Bild: Senator/Central
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