Dorothee Schön - Frau Böhm sagt Nein

Nein, sie hatte nicht vor, den brisanten Film zur Wirtschaftskrise zu schreiben: Als Dorothee Schön vor bald vier Jahren das Drehbuch zu «Frau Böhm sagt Nein» konzipierte, war das Thema noch nicht aktuell. Gewiss, es gab Skandale, die ein grelles Licht auf die Selbstbedienungsmentalität in den Vorstandsetagen warfen. Die Schmiergeldaffäre bei Siemens, die Steuerhinterziehung von Klaus Zumwinkel, nicht zuletzt die «Lustreisen» bei VW: Aufreger für Stammtisch-Debatten gab es genug, aber dabei blieb es auch.

Drei Jahre später wurde «Frau Böhm sagt Nein» uraufgeführt beim Medienforum NRW in Köln, anschließend im Wettbewerb um den Deutschen Filmkunstpreis in Ludwigshafen gezeigt und für das Festival in Baden-Baden nominiert.

Wichtiger als solche Auszeichnungen aber ist die TV-Sendung: im Ersten, zur Prime-Time 20.15 Uhr. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen beweist mit solchen Filmen seine Existenzberechtigung.

Hier werden nicht mit Blick auf die Quote die üblichen Konzessionen – eine starke Frau als Protagonistin, ein frauenaffines Love-Interest inkl. verlogenem Happy End und was sonst noch als Süßstoff den immer gleichen Produktionen beigemischt wird – gemacht. Für einen spannenden Film wird dagegen gebraucht: ein interessanter Stoff, glaubwürdige Realitäten und lebendige Figuren.

Dies fällt in die Zuständigkeit des Autors, doch zur Umsetzung seiner Ideen bedarf es kreativer Partner: Produziert wurde «Frau Böhm sagt Nein» von Mark Horyna (Zeitsprung) für den WDR (Redaktion Anke Krause). Regie führte Connie Walther. Als Frau Böhm – im braunen Mantel, mit unvorteilhafter Brille und rundem Rücken – ganz grandios: Senta Berger.

In Dorothee Schöns Filmographie ist dies Nr. 28. Vor 20 Jahren lief in Venedig ihr erster Film: «Blauäugig», inszeniert von Reinhard Hauff, mit Götz George. Seitdem hat sie sich vor allem als versierte «Tatort»-Autorin einen Namen gemacht: Zuletzt konnte man von ihr «Herz aus Eis» (Regie Ed Herzog) sehen, gerade gedreht wird «Strafe muss sein» (Regie Patrick Winczewski).

Vom «Tatort» soll hier nicht die Rede sein, darüber hat sie selbst einen Text verfasst, nachzulesen im Magazin dieser Website.

Doch es muss nicht immer Mord sein. Zu den Qualitäten der Drehbuchautorin Schön gehören pointierte, aber wie selbstverständlich wirkende Dialoge und eine dramaturgische Struktur, die der Filmerzählung ihre zwingende Form gibt. Doch ihr wichtigstes Talent ist vielleicht: das Finden und Erfinden von Geschichten.

Da ist z.B. Hans Albrecht Löhr, ein Junge, der den «kleinen Dienstag» in Gerhard Lamprechts Verfilmung von «Emil und die Detektive» 1931 spielte. Keine große Rolle: Während die anderen den fiesen Gauner jagen, muss er mit dem Dackel Zeppelin das Telefon bewachen.

Der Knirps war ein begeisterter Leser von Kästners Buch und so schrieb er ungeniert den Schriftsteller an: Kästner könne etwas für die Schülerzeitschrift schreiben, außerdem bot sich der achtjährige Knabe als neuer Verleger an. Daraus wurde zwar nichts, aber Kästner war gerührt und schrieb zurück – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen dem vaterlosen Jungen und dem kinderlosen Autor.

Die Geschichte ist völlig unbekannt, selbst in den großen Kästner-Biographien findet sie keine Erwähnung. Dorothee Schön ist nach Marbach ins Literaturarchiv gefahren und hat tagelang im Nachlass Erich Kästner recherchiert. In einem Brief an seine Mutter berichtet der Schriftsteller: «Gestern war ich bei Löhrs zum Mittagessen. Gab Makkaroni mit Schinken. Und als Nachtisch ‹Errötendes Mädchen›. Komischer Name, was?»

Danach riss die Verbindung nicht mehr ab. Der kleine Hans Albrecht Löhr wurde zwar nicht der Verleger Kästners, aber sein Lektor: Er war der Testleser, dem der Schriftsteller das Manuskript seines nächsten Kinderbuches gab, denn die Verlegerin war anfangs gar nicht überzeugt von «Pünktchen und Anton».

Auch als Kästner nach 1933 Schreibverbot erhielt, seine Werke aus den Buchhandlungen verschwanden und er eine unsichere, stets gefährdete Existenz als verfemter Autor in Nazi-Deutschland führte, stand der Junge zu seinem Idol, um das er in der Schule nun nicht mehr beneidet wurde.

Dorothee Schön hat nicht nur die teilweise schwer entzifferbaren, in Süterlin geschriebenen Briefe entziffert, sondern sie hat auch die fast neunzigjährige Schwester von Hans Albrecht Löhr ausfindig gemacht und sie in Kassel besucht. Nun weiß Dorothee Schön auch, was ‹Errötendes Mädchen› ist: nämlich ein Buttermilchstrudel mit roter Gelatine.

Der «kleine Dienstag» jedoch, dessen Lieblingsnachtisch es einmal war, wurde als «Primaner in Uniform» in den Krieg geschickt und ist am 28. August 1942 in Russland bei Saplatino gefallen. Er liegt neben annähernd dreißigtausend anderen Soldaten im Soldatenfriedhof Korpowo begraben (Block 16, Reihe 23, Grab 1435). Bis auf eine Ausnahme hat keiner der Jungen, die im «Emil und die Detektive» mitspielten, den Krieg überlebt.

Aus dieser Geschichte hat Dorothee Schön ein Drehbuch entwickelt: ganz ohne Auftraggeber und Redaktion, frei von Vorgaben – «ein ungestörtes Vergnügen», wie sie selbst meint.
Das Finden einer solchen wahren Geschichte und das Weiterdichten zu einem Film, das hat sie sich neben den Fernsehaufträgen einfach gegönnt.

Nun beginnt die Phase, die jeder Drehbuchautor kennt: Der Produzent braucht eine zweite Fassung, bei der die Kosten (historischer Stoff!) stärker berücksichtigt werden müssen, die Suche nach (und anschließende Diskussion mit) dem Regisseur. Förderungen, Gremien, Rechtefragen etc. Das ist dann kein reines Vergnügen mehr. Aber Dorothee Schön, auch dies gehört zu ihren Qualitäten, betreibt ihre Projekte mit Leidenschaft und Ausdauer. Und so werden wir irgendwann «Kästner und der kleine Dienstag» im Kino sehen.

Bilder © WDR / Willi Weber / Frank W. Hempel / Zeitsprung
Dorothee Schön - Frau Böhm sagt Nein

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