Eine Reise in das Electric Wonderland: «Magical Mystery»

Der Film war der Geheimtipp auf dem Münchner Filmfest und enttäuschte das Publikum nicht. «Das ist ein richtig geiles Techno-Roadmovie, was mir unheimlichen Spaß gemacht hat», schwärmte Festival-Chefin Diana Iljine. Annika Meier (Rosa) gewann den Preis als beste Nachwuchsschauspielerin. Die anderen Darsteller konnte man nicht auszeichnen, denn sie waren nicht mehr Nachwuchs: Charly Hübner, Detlev Buck, Marc Hosemann, Bjarne Mädel usw. Regie: Arne Feldhusen, Produktion: Razor Film. Am 31. August 2017 startet «Magical Mystery» in den deutschen Kinos.

1994. Das Techno-Fieber erfasst das wiedervereinte Deutschland, doch davon bekommt Karl Schmidt in seiner WG für Ex-Drogenabhängige wenig mit. Das ändert sich schlagartig, als der charismatische Labelboss Ferdi in Karls Leben tritt. Mit den Techno-Stars seines Labels will Ferdi auf eine landesweite «Magical Mystery»-Tour gehen, um den Hippiegeist der 60er mit dem Rave der 90er zu vereinen. Dafür fehlt ihm nur ein Fahrer, der immer nüchtern bleibt und sich rund um die Uhr um die Musiker kümmert, die niemals nüchtern werden. Das passt Karl Schmidt gut, denn der will seinen nervigen Aufseher sowieso loswerden und lässt sich auf den Deal ein. Gemeinsam mit Ferdi, Raimund, Rosa und einem bunten Haufen an DJs beginnt ein wilder Roadtrip durch zahlreiche Clubs, Bruchbuden und Absteigen in einem technoverrückten Land.

«Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt» basiert auf dem gleichnamigen Roman von Sven Regener, der auch das Drehbuch zum Film schrieb. Man erinnert sich: Karl Schmidt, das war der beste Freund von «Herr Lehmann», in Leander Haußmanns Film von Detlev Buck gespielt. Nun ist er Ferdi, der in die Jahre gekommene Macher vom «Bumm Bumm Records», während Charly Hübner die Rolle Karl Schmidt übernahm. Buck tritt sozusagen seiner alten Figur gegenüber. Aber «Magical Mystery» ist keine Quasi-Fortsetzung von «Herr Lehmann», sondern sollte – darin waren sich Arne Feldhusen und Sven Regener einig – ein eigener Kosmos werden.

«Magical Mystery» hat einen exquisiten Soundtrack, was kein Wunder ist: Dafür war Charlotte Goltermann zuständig, die Chefin des legendären Ladomat-Labels (und Frau von Sven Regener). Im Presseheft schreibt sie über Musikkonzept und Songauswahl:

«Wir spielen wie schon bei ‹Herr Lehmann› mit dem Mix alter und neuer Helden, der Idee von Original und Remix, Jazz und Frauenchören, Wahnsinn und Genie. Große, zentrale Nummer wäre genau wie damals ‹All We Ever Wanted›, der Bauhaus-Klassiker aus den englischen 80er Jahren, allein schon wegen des schönen Zusammenhangs mit der Rolle Karl Schmidts, der als vermeintliches Schaf unter Wölfen, am Ende aber als Wolf im Schafspelz seine Schützlinge sicher durch den dunklen deutschen Wald der großen Städte und ihrer Verführungen und Sehnsüchte führt. Dieses Lied ist wegen seiner coolen Schönheit auch ideal, um es in seiner minimalistischen, kalten Art mit den alten und neuen, nationalen und internationalen Musikern wie Westbam, Miss Kittin, Modeselektor, Deichkind, Gudrun Gut und Alter Ego, die sich nur zu gerne auf die späten 80er Jahre beziehen, zu kombinieren.

Neben Carsten ‹Erobique› Meyer haben Modeselektor (Fahrt durch die Nacht mit Angstattacke), Westbam als Sisters of Spring (der hierfür extra ein Mayday/Springtime-Anthem komponiert hat, das ganz wunderbar im Hintergrund der im Laufe der Nacht absurder werdenden Dialoge während der Springtime aufflackert), Deichkind (die sich um den immer wieder erwähnten ‹Mega-Hit› DJ Schöpfis namens ‹HalluHillu› gekümmert haben, der völlig ungebrochen und mit beißendem Sarkasmus die Abgeh-Bereitwilligkeit der Zeit ad absurdum führt). Oder eben Patrick Reising von Tele und Francesco Wilking von Die höchste Eisenbahn, die das Eiscafe mit italienischem Chanson verzaubern.»

Westbam und Justus Köhncke, Hans Nieswandt und die Voigt-Brüder: Es gibt einige Cameo-Auftritte von Protagonisten der echten Techno-Szene der 1990er. Arne Feldhusen gesteht, in der Rave-Szene selber nicht verhaftet gewesen zu sein, vielleicht habe ihn gerade deshalb Sven Regeners Roman so angesprochen: «Da sprach kein nervender Insider, sondern jemand mit guter Beobachtungsgabe, Einfühlungsvermögen und originellem Humor. Er beschreibt den Rave-Zirkus mit all seinen Durchgeknallten mit genug Bewunderung und Zuneigung und stellt niemanden bloß. Zudem erinnert sein Humor gekonnt daran, wie unernst sich die Szene meist selber nahm.»

Die «Bumm Bumm»-Crew besteht aus einem Haufen lustiger Freaks, die aber alle eine melancholische Note haben. Es geht nicht nur darum, noch mehr Kohle zu machen. Für Feldhusen ist «Magical Mystery» eigentlich eine Liebesgeschichte – nicht nur zwischen Karl und Rosa, sondern auch zwischen Ferdi und Raimund. «Ist ja auch total rührend, wie die beiden miteinander umgehen. Und während bei Charlie und Rosa eine sehr eigenwillige, neue Liebe entsteht, sind die beiden Männer bereits wie ein altes Ehepaar. Die streiten sich die ganze Zeit, aber wenn der eine plötzlich zum Sani muss, geht es dem anderen direkt richtig dreckig ...»

Die Idee für die «Magical Mystery»-Tour hat sich Ferdi bei den Beatles abgeschaut. Hat Feldhusen den Beatles-Film als Inspiration oder Reverenz benutzt? «Naja, er ist genau das, was Musiker gern mal als Idee im Kopf haben. Einen durchgeknallten Film drehen, mit ihnen selbst als Protagonisten und voll mit der eigenen Musik, aber sich jeder Dramaturgie widersetzend und möglichst auffällig obskur. Für diejenigen, die einen Verweis brauchen: Ok, unser Film ist genau so einer geworden.»

Oder um es mit Karls Worten zu sagen: «Das ist alles irgendwie großartig. Aber auch großartig blöd.»

Fotos: © DCM / Gordon Timpen
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