Elisabeth Herrmann: «Vom Buch zum Film»

Der erste Besuch bei Dreharbeiten. Sie verfilmen mein Buch. Ich begleite meinen Produzenten, Dr. Dietrich Kluge, der vom Moment seines Auftauchens am Set erst mal in einem Pulk von Crewmitgliedern verschwindet. Fragen, Dringlichkeiten, Shake-Hands, Klärungsbedarf für hunderttausend große und kleine Probleme. Es wird in den nächsten Jahren mein Eindruck bleiben: Dass ein Film zustande kommt, ist der Triumph der Improvisation über monatelange akribische Planung. Ich stehe im Weg herum. Keiner kennt mich, wieder mal jemand, der hier eigentlich nicht hergehört und andere von der Arbeit abhält. Ich bin Anfang Fünfzig, eine Spätberufene, was das Drehbuchschreiben angeht, und viele der Abläufe sind mir fremd. Die Namen und Gesichter natürlich auch. Aber ich weiß, dass heute eine Szene gedreht wird, die ich vor langer Zeit an einem uralten, asthmatisch röchelnden und nach Luft ringenden Computer geschrieben habe, auf dem Weg zu meinem ersten Kriminalroman: Die Testamentseröffnung in Vernaus Kanzlei. Vernau ist mein Held: ein Berliner Anwalt, versehen mit charmantem Größenwahn und der vagen Ahnung, dass wenigstens ab und zu einmal nicht das Recht, sondern die Gerechtigkeit siegen sollte.

Mit dem «Kindermädchen» 2005 hat er die literarische Bühne betreten. Mein Erstling wurde kaum beachtet und verschwand im Wellengang der nächsten Neuerscheinungen, die im Halbjahrestakt neue Bücher, neue Autoren, neue Sensationen in die Buchhandlungen spült Dann das Wunder: Das Taschenbuch, ohne Werbung und Marketing ins Büchermeer geworfen, ging ab wie Schmitz´ Katze und verkaufte sich innerhalb weniger Wochen über hunderttausend Mal. Ein Regisseur pickte das Buch im Vorübergehen am Flughafen auf, flog, las es, landete, rief Dr. Kluge an uns sagte: «Das müssen wir machen!»

So ungefähr jedenfalls soll es gewesen sein. Über Entscheidungsprozesse hinter den Türen erfahre ich nicht viel. Warum die eine Geschichte genommen und die andere verworfen wird, ist eine der großen unbeantworteten Fragen. So ähnlich wie die: «Wie schreibe ich einen Bestseller?» «Wie schreibe ich ein Drehbuch, das auch verfilmt wird?» Glauben Sie niemandem, der darauf eine Antwort haben will. Glauben Sie nur an eines: Ihre Geschichte. Die Szene mit der Testamentseröffnung zum Beispiel. Ich schrieb den Roman ohne Verlag oder Vertrag. Ich weiß noch, dass ich manchmal Monate nicht zum Schreiben kam, weil der Brotberuf wichtiger war und die Familie auch. Aber ich bin immer wieder zurück an den Schreibtisch. Ich habe fünf Jahre an diesem Buch geschrieben und, als es endlich fertig war, über fünfzig Absagen von Verlagen kassiert. Was ich damals gelernt habe? Glaube niemandem, der dir erzählen will, was «die Leute» sehen oder lesen wollen. Glaube an deine Geschichte. Sie findet ihren Weg. Meistens, jedenfalls ...

Auch, wenn sonst keiner daran glaubt. Als ich den ersten Anruf von Dr. Kluge bekam, blieb mir erst einmal die Luft weg. «Das Kindermädchen» soll fürs ZDF verfilmt werden! Unfassbar! Jubel! Ich weiß nicht mehr, was er auf meine Frage, ob ich auch das Drehbuch schreiben könnte, antwortete. Es muss eine Mischung aus aufrichtiger Ermunterung und bitter nötiger Skepsis gewesen sein. Sie wollten die Geschichte, keine plötzlich zur Drehbuchautorin erwachte Schriftstellerin. Wieder weiß ich nicht, was hinter den Kulissen passiert ist. Wie Dr. Kluge das hinbekam, dass man mir den Stoff gab. Ich weiß nur noch, dass wir tagelang zusammensaßen. Das Drehbuch von unten nach oben kehrten. Szenen strichen und zusammenfügten. Ganze Stränge in den Papierkorb warfen. Jedesmal, wenn er das Handy für zehn Minuten ausschaltete, waren dreißig entgangene Anrufe darauf. Auf den Schultern eines Filmproduzenten lasten nicht selten fünf Produktionen gleichzeitig, dazu das Glück der Firma, der öffentlich-rechtlichen Sender, der Bundesrepublik und nicht zuletzt der Weltfrieden. Zumindest gewinnt man diesen Eindruck. Manchmal, wenn es zu hektisch wurde, und diese Phasen gab es während der Dreharbeiten mehr als einmal, erinnerte ich mich an den Stress in der Abendschau-Redaktion des RBB. In der tagesaktuellen Berichterstattung weht ein ähnlich scharfer Zug. Aber kurz bevor die Welt untergeht, atmet man tief durch und denkt: Ist ja nur Fernsehen ...

Wir haben während des Drehs noch Szenen umgeschrieben, die Blätter irgendwo kopiert und quasi vor laufender Kamera reingereicht. Es war stressig, es war schrecklich, es war ... so umwerfend aufregend! Jan Josef Liefers als Vernau, Mathias Habich als Utz von Zernikow, Natalia Wörner als dessen Tochter Sigrun, und die wunderbare Inge Keller als Freiffrau. Und dann dieser Morgen in einer Villa in Zehlendorf. Die Testamentseröffnung. Kabel. Scheinwerfer. Licht. Monitore. Zwischendrin wie ein Fels in der Brandung Carlo Rola, der Regisseur. Dietrich Kluge taucht von irgendwoher wieder auf und zeigt mir, wo ich stehen kann, ohne zu stören. Wir haben Carlos Monitore im Blick. Ich sehe einen großen, gediegenen, holzgetäfelten Raum. Liefers und Habich stehen zusammen und gehen die Szene durch. Die Luft ist geladen wie unter einer Starkstromleitung. Madli Moss gibt letzte Anweisungen. Es geht los. Sie sprechen die Sätze, die ich geschrieben habe, sie spielen eine Szene, die vor sieben Jahren nachts in einer Besenkammer entstand, sie wird Realität, sie steigt heraus aus den Buchseiten.

Es ist ein Moment, den ich nie vergessen werde. Schwer zu beschreiben. Vielleicht mit Magie: Der Zauber, der in unseren Köpfen wirkt, wenn wir ein Buch lesen oder einen Film sehen und uns eine Geschichte umfangen hält. Wenn Menschen am Set und in den Produktionsfirmen und Sendern daran arbeiten, dass aus der Vorstellungskraft Wirklichkeit wird.

«Das Kindermädchen» wurde der Auftakt einer Reihe mit mittlerweile vier Filmen um den Anwalt Vernau, die u.a. die höchste Einschaltquote für einen Montags-Film seit Beginn der Quotenaufzeichnung erzielte. Sie wurde ein großer Erfolg, an dem alle, vom Fernsehspielchef im ZDF bis zur Kostümassistentin im Wohnwagen, gleichermaßen beteiligt waren. Und fing an mit einer Geschichte, an die ich geglaubt habe. So lange, bis es auch ein Verleger tat. Ein Regisseur. Ein Produzent. Ein Filmagent. Eine Redaktion. Eine Crew. Und schließlich acht Millionen Zuschauer.

Bilder: © Network Movie
Elisabeth Herrmann: «Vom Buch zum Film»

Zum Autor