Es wird einmal Indianerland

«Es war einmal Indianerland», der preisgekrönte Jugendroman von Nils Mohl, kommt ins Kino. Die Dreharbeiten sind bereits abgeschlossen, der Film befindet sich derzeit in der Postproduktion. İlker Çatak, Gewinner des Studenten-Oscars, führt Regie; das Drehbuch schrieb Mohl zusammen mit Max Reinhold. Es spielen Leonard Scheicher, Emilia Schüle, Clemens Schick, Johanna Polley, Johannes Klaußner, Joel Basman. Produziert von der Hamburger Riva Film, mit Beteiligung von WDR, HR und Arte, wird der Verleih Camino «Es war einmal Indianerland» dieses Jahr in die Kinos bringen.
Der Roman wurde dort verfilmt, wo er spielt: in Hamburg-Jenfeld. Dort, zwischen Waschbetonblocks und dem Einkaufszentrum, ist Nils Mohl aufgewachsen. Er begleitete auch die Dreharbeiten. Hier ist sein Bericht:


Luftballons mit Indianerporträts schmücken den Büroraum, draußen leichter Regen: Hamburg, Anfang Juli. Durch die Tür trudeln sie nach und nach zum Warm up ein, Cast und Crew. Ich blättere in einem der ausgeteilten Heftchen, seitenweise Namen und Kontakte, quasi schon der Abspann in Broschürenform. Im hinteren Teil der Drehplan. Dreißig Tage sind kalkuliert. Das Produktionsteam ackert seit Wochen in diesem Gebäude an den Vorbereitungen, bewältigt Bürokratie, Tür an Tür und Tisch an Tisch mit denen, die Kulissen, Kostüme und Requisiten entwerfen für ein Indianerland, das bislang nur auf Papier, als Datei und diffus in den Köpfen von Lesern existiert hat.
Das Budget deckt sich in etwa mit dem, das Guns ’n Roses für ihr Video zu «November Rain» zur Verfügung hatten – vor rund einem Vierteljahrhundert. In Hollywood würde für einen Film wie unseren heute schätzungsweise das Zehnfache angesetzt werden und das Dreifache an Drehtagen sowieso. Aber dafür hat Hollywood nicht İlker Çatak, noch nicht, obwohl er erst vor kurzem da war, um sich als Regisseur von «Sadakat», seinem Abschlussfilm an der Hamburg Media School, den Studentenoscar abzuholen. Ebenso wie sein Kameramann Florian «Flo» Mag, ein berauschender Erzähler in Licht, Schatten und immer eleganten Farben. Anfang dreißig ist er, wie İlker. Noch jünger als die Zwei sind Leonard Scheicher und Johanna Polley, die anwesenden Hauptdarsteller. Rollen dieser Größe haben sie beide noch nicht gehabt. Leonard hat sich vier Monate exzessiv geschunden, mit täglichem individuellem Training, Seilspringen, Eiweißpräparaten, um seinen Körper zu dem eines Boxers zu modelieren. Johanna hat sich in der gleichen Zeit so weit in ihre Figur eingedacht, dass sie inzwischen sogar Vornamen für deren Pflanzen weiß. Fast alle um mich herum haben gerade dieses flackernde Leuchten in den Augen, während sie mit Pappbechern auf die anstehende Mission anstoßen und sich in der Runde kurz vorstellen.
Als ich an der Reihe bin, gestehe ich, wie surreal mir das alles im Augenblick vorkommt. Surreal, dass es nun wirklich losgehen soll, nachdem vor rund vier Jahren das erste Mal laut darüber nachgedacht wurde, aus dem Roman einen Film zu machen. Vor rund drei Jahren lag ich dann in Manhattan im Apartment von Max Reinhold auf einer Matratze. Er saß am Klapprechner, neben sich eine aufgerissene Papiertüte, bekritzelt mit Ideen für die Struktur unserer ersten Drehbuchfassung. Fünf weitere folgten. Er, der Pointen zu setzen versteht wie nur sehr Wenige, glänzt durch Abwesenheit. Zumindest geographisch ist er gerade am dichtesten dran, an der Traumfabrik in Übersee. Vor ein paar Stunden haben wir per Skype ein paar allerletzte Korrekturen besprochen, die İlker noch wichtig waren. Jetzt liegt definitiv nichts mehr in unserer Hand. Alles möglich. Klingt fast ein bisschen nach Hollywood.

«Und», fragt mich Ponyhof-Darsteller Johannes Klaußner zum Abschied, «sehen wir uns am Set?»


Was man als Autor am Set erlebt, hat der Schriftsteller Ted Chiang kürzlich in einem Interview einmal so beschrieben: «Making a movie seems like trying to plan the invasion of Normandy and creating a piece of art at the same time.»
In der Zunft der Geschichtenerzähler gehört Chiang zu den Großmeistern unserer Tage. Jede seiner Storys ist ein Stück Kunst. Fertig, geglückt, abgeschlossen. Womit wir bei der Frage wären: Wozu überhaupt der ganze Aufwand? Wozu den Sturm auf die Normandie planen?
Militärische Assoziationen sind beim Anblick von Dreharbeiten keineswegs abwegig. Ein Konvoi von Fahrzeugen. Ein Trupp von Spezialisten, der ihnen entsteigt. Es wird über Funk kommuniziert, schweres Gerät von Rampen gehievt, aufgebaut, in Position geschoben. Eine Kamera auf dem Dolly und ein Flakgeschütz: Schuss, Gegenschuss – so ist das gedacht, so klingt Filmsprache.
Um mich herum die Betonklotzschluchten von Hamburg-Mümmelmannsberg. In einer leerstehenden Ladenzeile der Hochhaussiedlung werden zum Stolpern einladende Kabel über die räudigen Gehwegplatten gezogen. Jetzt vielleicht gleich mal den Set-Aufnahmeleiter nach der Ausgabestelle für die Stahlhelme fragen? Aber niemand hat Zeit für beknackte Scherze. Und das ist einer der ersten Gedanken an diesem Morgen: Mein Roman hat Arbeitsplätze geschaffen, wenigstens für ein paar Wochen. Kein richtig schlechtes Argument für eine Verfilmung.
Derweil werden am ersten Schauplatz die letzten Scheinwerfer ausgerichtet. Im Roman eine Videothek, für die einst beim Schreiben meine ehemalige und längst geschlossene Stammvideothek in Jenfeld, nur wenige Kilometer weiter nördlich, Modell stand. Was mich froh stimmt: Kinokulisse und Realität ähneln sich nicht im Entferntesten – und zugleich bin ich verblüfft, wie clever die Rückübersetzung aus der Fiktion des Romans in die Filmrealität geglückt ist. Von der Flamingotapete über die bonbonbunten Auslagen bis hin zum Vogelkäfig: eine entrückte Welt. Hier wird Mauser, der Held der Geschichte, gleich das erste Mal dem Mädchen begegnen, das so anders ist als die meisten anderen Mädchen – und deshalb richtig für ihn. Edda.
Leonard und Johanna kommen im Kostüm ans Set. Und der Autor wird vor die Tür verbannt: Proben. Regisseur und Schauspieler brauchen Ruhe. Etwa zwanzig Minuten später: erste Klappe. Und ich suche mir ein halbwegs günstiges Plätzchen neben aufgetürmten Zubehör für Kamera, Beleuchtung, Ton und Ausstattung. Immerhin kann man an der sogenannten Kombo, einem Monitor auf einer Sackkarrenkonstruktion, das Kamerabild sehen. Vom Dialog höre ich nichts.
Nach ein paar Tagen werde ich in solchen Situationen die Tonmeisterin um einen Sender und Kopfhörer bitten. Nach ein paar Tagen wundert sich niemand mehr, dass der Autor ständig am Set herumschleicht. Nach ein paar Tagen bin ich genauso schlau wie zuvor. Noch immer bin ich mittendrin: Im achtlosen Durchleben des Augenblicks. Ständig neue Eindrücke. Neue Kulissen, neue Szenen, weitere Darsteller, andere Komparsen, Nachtaufnahmen auf einer gesperrten Autobahnbrücke und in einem Freibad, Stunt mit Wildschwein und Autostau auf entlegenen Landstraßen.


Das Gerücht stammt vermutlich aus den Hochglanzmagazinen. Mein Stand der Dinge jedenfalls: Dreharbeiten haben den Ruf, schrecklich langweilig zu sein, nicht nur für Zaungäste, sondern auch für die Beteiligten. Wegen der ständigen Umbauten. Wegen der Warterei. Wer immer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat, er oder sie sollte dringend einen Arzt konsultieren. Für mich wenigstens wird das Ganze von Tag zu Tag packender. Joel Basman greift ins Geschehen ein, hüpft auf einem Parkdeck in der Rolle des Kondors um Mauser herum. Die Sonne bruzzelt wie im Roman auf die beiden hinab. Kondor lässt sein Butterfly aufschnappen, drückt es Mauser ins Gesicht. İlker gluckst vor Vergnügen: «Geil!» Und lässt die Szene sechs Mal wiederholen, korrigiert Winzigkeiten im Spiel, bis alles «Bingobongo!» ist. Dann das Gleiche vor vorn aus einer anderen Perspektive. Als wenn das Hirn Schluckauf hätte. Was die Lust am Zuschauen aber keineswegs schmälert, im Gegenteil – wie es Kindern ja auch nie zu blöd wird, nach dem x-ten Mal Rutschen die Leiter gleich wieder hochzuklettern. Großer Aufwand für einen kurzen Moment Tanz mit Pirouetten in den Eingeweiden. Rund anderthalb Stunden Filmmaterial kommen pro Drehtag zusammen, kaum mehr als zwei Minuten werden im Schnitt davon übrigbleiben. «Komm, machen wir noch eine», sagt İlker. Und Joel hüpft noch ein bisschen herrlich verrückter und flucht noch ein wenig großspuriger. Bingobongo!


Im Lütjensee vor den Toren Hamburgs geht ein präpariertes Kanu im Wasser unter: Das Boot verfügt über eine Luke, die so dimensioniert ist, dass das Sinken exakt eine Minute dauert. Ich erlebe, wie über vierzig Komparsen zu einer unhörbaren Musik herumhampeln, als wäre gerade eine Wahnsinnsparty im Gang. Hinter einem Hügel steigt feuerroter Kunstnebel auf, während am Himmel nicht der Mond, sondern ein Monsterscheinwerfer von einem Krankorb aus auf das Filmteam hinableuchtet. Manchmal sind knapp einhundert Leute am Set und davon nur zwei im Bild. Und trotzdem sehe
ich kurz vor der Halbzeit kein Kriegsgerät mehr.
Ich schaue zu, wie ein ausgeschlachteter Konzertflügel von der Requisite auf dem Dach eines Bullis mit Spanngurten festgezurrt wird. Eine Drehbuchschnapsidee. Die Autoren hätten hohe Wetten darauf platziert, dass das nie Wirklichkeit wird. Im Bus lümmelt Emilia Schüle auf dem Beifahrersitz auf eine Art, die man nicht lernen kann, kullert als Jackie mit den Rehaugen. Ganz nach Jackieart. Wenn man so will, hat das alles auch etwas von einem Themenpark, in dem jede Attraktion nur für begrenzte Zeit zu bestaunen ist.
Vom Personal verlangt das immer wieder körperliche und mentale Höchstleistungen. Die Tonmeisterin versucht sich Gehör zu verschaffen, wenn in der Ferne ein Flugzeug fliegt – und eigentlich alles auf Anfang wäre für den nächsten Take. Nachts fallen die Temperaturen, obwohl Sommer ist, auf spätherbstliche Werte, und Kostüm und Maske befüllen Wärmflaschen, damit die schlotternden Schauspieler nicht unterkühlen. Dem Regisseur wiederum werden tagsüber bei brüllender Hitze die Flip-Flops verboten. Arbeitssicherheit. Das Catering brüht bei jedem Klima für alle Ingwertee und versorgt den Boxerkörper von Leonard mit Extraproteinen in Form von Quark und Sonderrationen Fleisch.
In den kurzen Pausen hört man am besten zu. Den Veteranen und was sie woanders bereits erlebt haben. Den Glücksrittern, die gerade mit der Filmschule fertig sind und als Produktionsfahrer einspringen, daheim die Schubladen voller eigener Ideen und Stoffe. In einigen Momenten herrscht eine fast familiäre Atmosphäre, wie bei fahrendem Volk vermutlich immer und überall üblich. Wie immer und überall gehört auch das Murren dazu, wenn am Ende der Schicht der Druck steigt, und das Stöhnen, wenn die Erschöpfung sich Bahn bricht. Dann Abbau – und nach einer Mütze Schlaf woanders wieder Aufbau. Ein Hauch von Zirkus, Wandertheater, Performance. Viel Kaffee und Tabak. Künstlerromantik.


Das ganze Treiben vor und hinter der Kamera übt vielleicht auch deshalb diese Faszination aus, weil so viel gleichzeitig passiert – und passieren muss. Im Zusammenspiel der ganzen Gewerke scheint nicht nur Szene um Szene ein Film zu entstehen, sondern im selben Moment auch noch eine flüchtige und äußerst sperrige Aufführung mit einer ganz eigenen Logik. Eine Darbietung, die auf mich wie eine leicht hemdsärmelige Simulation eines arbeitenden Hirns wirkt.
Das geht mir auf, als ich mir nach Drehschluss einmal die Muster einer zentralen Szene anschaue: Clemens Schick erzählt in der Rolle von Zöllner, Mausers Vater, einen verzweifelten Witz. In jedem der vielen Takes immer und immer wieder dieselben Worte. Mit Nuancen in der Betonung und in der Intensität des Spiels. Ungefähr so war es bei der Arbeit am Roman damals auch. Und eigentlich ist es beim Schreiben nie anders. Eine Idee ausformulieren, laut vorlesen – dann mal hier etwas ändern, mal da etwas, ein Wort austauschen, eine Dialogzeile umstellen, kürzen, etwas hinzufügen, etwas löschen. Dabei bin ich gewöhnlich allein. Ein Ein-Mann-Filmteam, das ein Bild einrichtet wie ein Kameramann, das den Ton angelt, an den Frisuren der Figuren zupft und Mützen zurechtrückt, Licht korrigiert.
Wahrscheinlich hat es deshalb auch eine besondere Schönheit, dabei zuzusehen, wie andere im Kollektiv rackern und rackern, um die Filmerzählung zu erschaffen. Was immer dabei am Ende herauskommen mag, allein schon Zeuge dieser leidenschaftlichen Anstrengung zu sein, lässt einem für alle Beteiligten mehr als nur die Daumen drücken.
Roman ist Roman, Film ist Film. Und die Verwandlung von einem zum anderen zu beobachten hat etwas davon, als würde man morgens im Halbschlaf liegen – und sprunghaft einer Geschichte noch nachträumen, die man schon mal erlebt hat. Anders zwar, aber mindestens genauso wirklich.

Text: Nils Mohl
Fotos: Ayda Arbatli
Es wird einmal Indianerland