Haltung im Angesicht der Zeit: Die Charité zwischen Nazi-Ideologie und Hippokratischem Eid

von Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann


Durchschnittlich 7,48 Millionen Zuschauer sahen die erste Staffel der prominent besetzten Erfolgsserie «Charité» über das weltberühmte Berliner Krankenhaus im Wandel der Zeit. Nun wartet die Fortsetzung: Im Frühling 2018 wurden die Dreharbeiten zur zweiten Staffel unter der Regie von Anno Saul in den alten Backsteinbauten des Prager Stadtteils Smichov beendet. Idee und Drehbuch stammen erneut aus der Feder von Grimme-Preisträgerin Dorothee Schön und Dr. Sabine Thor-Wiedemann. Der Vorstandsvorsitzende der Charité – Universitätsmedizin Berlin Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl und Herr Prof. Dr. Thomas Schnalke, Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité, standen den Autorinnen wiederum als Berater zur Seite. «Charité» ist eine Produktion der UFA Fiction im Auftrag der ARD/Degeto. Ausgestrahlt werden die neuen Folgen im Februar 2019.


Rückblick

Die erste Staffel zeichnete den Beginn moderner Medizin in einem sozialpolitischen Panorama der Jahrhundertwende; Königgrätz, Sedan und die deutsche Reichsgründung im Versailler Spiegelsaal scheinen nur einen historischen Lidschlag entfernt, Reichskanzler Bismarck verteilt Zuckerbrot und Peitsche und in Europa laufen die Präventivkriegsplanungen bald auf Hochtouren:

»Damals war die Charité noch ein morscher Kasten mit maroder Hygiene», sagt Drehbuchautorin Dorothee Schön. Die zweifache Grimmepreisträgerin kam gemeinsam mit der Ärztin und Medizinjournalistin Sabine Thor-Wiedemann erstmals 2009 auf die Idee dieser Miniserie, weil sich an der Charité immer wieder Zeitgeschichte materialisiert. Die beiden Autorinnen zeichneten ein Bild der katastrophalen Zustände an der Charité 1888, wo trotz der erbärmlichen Bedingungen drei künftige Nobelpreisträger wirkten.


Ausblick

Nico Hofmann, CEO der UFA und Produzent, kündigte nun an: »'Charité' wird auch in der zweiten Staffel ein Fest der großen Schauspieler – Medizin trifft auf Zeitgeschichte, kaum ein anderes Programm hat den Wissensdurst des Publikums so sehr befriedigt wie die erfolgreichste deutsche Serie des Jahres.»

Ein neues Schauspieler-Ensemble führt den Zuschauer ins Jahr 1943, die Zeit der ersten alliierten Luftangriffe auf das nationalsozialistische Berlin. Es ist die schwärzeste Stunde deutscher Medizingeschichte, der bittere Abgesang auf das ärztliche Ethos: Wer als Arzt nicht der nationalsozialistischen Ideologie widersteht, die lebenswertes von lebensunwertem Leben trennt, wird vom Helfer und Heiler zur Bedrohung für Patienten. Es ist eine Zeit, in der sich von der Krankenschwester bis zum weltberühmten Chirurgen jeder bekennen und noch vor den Tagen der Kapitulation die letzte Frage nach der Menschlichkeit stellen muss.


Der Zeitsprung

Viele werden sich fragen, warum eine so erfolgreiche Serie wie «Charité» in ihrer zweiten Staffel zeitlich nicht an die erste anknüpft. Das war von vornherein von den Autorinnen so geplant. Das Ensemble der Kaiserzeit hat sich schließlich in alle Winde zerstreut: Ida in die Schweiz zum Medizinstudium, Emil Behring nach Marburg, Paul Ehrlich nach Frankfurt und Robert Koch auf Reisen. Die Idee war von Anfang an, dass der rote Faden der Serie nicht einzelne Figuren sind, sondern stattdessen der besondere Spirit dieses Krankenhauses, das in seiner dreihundertjährigen Historie eine Unzahl von spannenden Geschichten gesehen hat.

Doch warum ein Zeitsprung ausgerechnet ins Dritte Reich? Gibt es überhaupt noch Neues über diese Epoche im Fernsehen zu erzählen? Tatsächlich ist der Alltag der Medizin während des Nationalsozialismus einem breiten Publikum weitgehend unbekannt. Man muss keine Gräuel darstellen, um zu verdeutlichen, wie sich eine menschenverachtende Ideologie schleichend in den Köpfen und Herzen von Medizinern ausbreiten kann, die sich eigentlich dem hippokratischen Eid verpflichtet fühlen sollten. Das Ideal der Volksgesundheit zählte allein, der Einzelne galt nichts. Von der Medizin wurde nichts weniger verlangt als das Heranzüchten arischer und erbgesunder Volksgenossen, die leistungsfähig, zeugungs- und gebärfreudig und voll wehrfähig sein sollten. Dass Patienten nicht mehr darauf vertrauen konnten, dass alle Ärzte ihr Bestes wollten, erscheint uns heute wie ein böser Traum.

Für den Zeitsprung in diese Epoche spricht auch ein so charismatischer und ambivalenter Charakter wie der Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der Bahnbrechendes für sein Fach geleistet hat. Wurde er in den 50er Jahren nach der Verfilmung seiner Biografie «Das war mein Leben» noch unkritisch als Halbgott in Weiß verklärt, so verkehrte sich die Rezeption seiner Person danach ins Gegenteil. Aufgrund seiner Verstrickungen mit dem Regime wurde er als «Nazi-Arzt» eingeordnet. Beides trifft es nicht wirklich.

Die Autorinnen haben bei ihren Recherchen Quellen gefunden, die bisher wissenschaftlich noch nicht gewürdigt wurden, wie zum Beispiel das Kliniktagebuch von Sauerbruchs Oberarzt Prof. Adolphe Jung, einem zwangsverpflichteten Chirurgen aus dem Elsass. Diese Quellen werfen ein neues Licht auf den zerrissenen und zwiespältigen Charakter Sauerbruchs. Genau wie alle anderen Figuren dieser Staffel kann Sauerbruch den Widerspruch zwischen medizinischem Ethos und ideologischen Zumutungen immer weniger aushalten. Diesen existenziellen Prüfungen müssen sich alle historisch verbürgten und fiktionalen Figuren des Ensembles stellen und sich zwischen Anpassung und Auflehnung entscheiden.


Zum Inhalt der zweiten Staffel

Das wilhelminische Armenkrankenhaus von einst ist zwischen den beiden Weltkriegen zu einer der renommiertesten Universitätskliniken Europas avanciert: In den Gebäuden aus leuchtend rotem Backstein herrschen strenge Hygiene und kühle Disziplin, und hinter hellen Glasfronten erstrecken sich hochmodern ausgestattete Operationssäle. Hier wirkt der berühmte Chirurg und ehemalige Leibarzt von Reichspräsident Hindenburg, Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen), seinerzeit für bahnbrechende Operationen an Gehirn und Lunge und Glanztaten in der Entwicklung künstlicher Gliedmaßen als »König der Chirurgie« gefeiert, mit seiner Frau Margot (Luise Wolfram) und dem zwangsverpflichteten elsässischen Oberarzt Dr. Adolphe Jung (Hans Löw).

Sauerbruch erreicht ein Hilfegesuch seines ehemaligen Kollegen und früheren Direktors der Klinik für psychische und Nervenkrankheiten Karl Bonhoeffer (Thomas Neumann), der verzweifelt versucht, seine Söhne Klaus und Dietrich Bonhoeffer und seinen Schwiegersohn Hans von Dohnanyi (Max von Pufendorf) vor einem inszenierten Prozess und damit dem sicheren Todesurteil zu schützen. Sauerbruch nimmt von Dohnanyi unter einem Vorwand als Patienten auf und entzieht ihn so der NS-Justiz. Doch der neue Leiter der Psychiatrie ist NSDAP-Mitglied und SS-Obersturmbannführer Max de Crinis (Lukas Miko). Als fanatischer Rassenideologe, der mit Kriegsbeginn zunehmend in Uniform in der Klinik erscheint, herrscht er ohne Skrupel und mit harter Hand, seine Spitzel und Handlanger überall unter den Schwestern und Pflegern.

Derweil erwarten die frischgebackene junge Ärztin Anni Waldhausen (Mala Emde) und ihr Mann, der angesehene Oberarzt der Kinderklinik Dr. Artur Waldhausen (Artjom Gilz), freudig den ersten gemeinsamen Nachwuchs. Als jedoch das Kind des »arischen Vorzeigepaares« mit einem gesundheitlichen Makel geboren wird, zerbricht der trügerische Schein ihrer NS-Idylle. Die Entfremdung zwischen den Eheleuten führt sie geradewegs in den offenen Zwiespalt: Was für den linientreuen Artur nichts als Schmach bedeutet, weckt bei Anni Zweifel an ihren tiefsitzenden ideologischen Überzeugungen.

Annis Bruder Otto (Jannik Schürmann), ein Medizinstudent, der von der Westfront vorübergehend zur Volllendung seines Studiums an die Charité beordert wurde, wird zu Annis engstem Vertrauten, als sie eine folgenschwere Entscheidung zur Rettung ihres Kindes treffen muss.

Während schließlich in den letzten Kriegstagen die Schlacht um Berlin tobt und das einst so stolze Klinikum unter Schutt und Asche versinkt, stellt sich für die Ärzte in den überfüllten Luftschutzkellern und Operationsbunkern zwischen Schmutz, Tod und Leid die letzte Gesinnungsprobe: Wer übernimmt angesichts des nahen Endes Verantwortung für sein Handeln? Die Zeit für zwischenmenschliche Abrechnungen ist gekommen, noch bevor die Waffen schweigen.

Fotos: © Xiomara Bender