Kästner und der kleine Dienstag -
Ein Film von Dorothee Schön

Der Bräunerhof in Wien, ein paar Schritte von der Hofburg entfernt, ist eine literarische Institution: Wenn man reinkommt der Tisch ganz links, das war einst der Stammplatz von Thomas Bernhard. Für ein paar Tage ist aus dem Wiener Kaffeehaus das Café Carlton in Berlin geworden. 2. Dezember 1931, später Abend. An einem langen Tisch sitzen Erich Kästner und seine Freunde: Sie feiern die Filmpremiere von «Emil und die Detektive». Aufgekratzt werden die Nachtausgaben der Zeitungen herumgereicht, die ersten Kritiken vorgelesen und kommentiert. Nur ein kleiner Junge am Tisch ist schon fast eingeschlafen. Hans-Albrecht Löhr hat im Kästner-Film den «kleinen Dienstag» gespielt, der mit seinem Dackel Piefke das Telefon bewacht und die Informationen an die anderen Jungen weitergeben muss: Parole Emil!

Dreharbeiten zu dem Fernsehfilm «Kästner und der kleine Dienstag». Florian David Fitz ist Erich Kästner, an seiner Seite Hans Löw als Erich Ohser (alias E.O. Plauen), Katharina Lorenz als Lotte Löhr, Inga Busch als Marigard Ohser, Catrin Striebeck als Verlegerin Edith Jacobsohn. Alle sind in dieser Szene versammelt, dazu Martin Brambach, der den Oberkellner Nietenführ in Kästners Berliner Stammcafé spielt. Der Regisseur Wolfgang Murnberger gibt unaufgeregt Anweisungen, während Hauptdarsteller Fitz über seine Rolle diskutiert. «Er hat Kästners feine Ironie und auch seinen Charme», erklärt die Produzentin Roswitha Ester, «uns war wichtig, Kästner als den jungen, wilden Literaten zu zeigen, der er in den Dreißigern war.»

An diesem Drehtag ist auch die Autorin Dorothee Schön anwesend. Sie ist auf die Geschichte in Kästners Briefen an seine Mutter gestoßen. «Emil und die Detektive» war sein erstes Kinderbuch, und er bekam dafür viel Fanpost. Darunter war auch das – mit orthografischen Fehlern gespickte – Schreiben eines siebenjährigen Jungen, das Kästner ebenso rührte wie belustigte. Er reichte es an den Verlag weiter: den handschriftlichen Kinderbrief könnte man als Faksimile für eine originelle Anzeige nutzen, nahm aber gleichzeitig Kontakt zu dem Knirps auf und besuchte die Familie Löhr. Man befreundete sich. Für Hans ging ein Traum in Erfüllung, als er zwei Jahre später bei der «Emil»-Verfilmung die Rolle des «kleinen Dienstag» bekam. Da war er nun ein Filmstar und gab während der Dreharbeiten Interviews. «Wir sind geschieden. Den Vater habe ich seit sechs Jahren nicht gesehen», erzählte er dem «Berliner Morgen». «Mit Mutti bin ich recht zufrieden. Und dass wir geschieden sind, damit bin ich ganz und gar einverstanden: ich kann so machen, was ich will!» Dem Journalisten gab er noch auf den Weg, dass die Steuern viel zu hoch seien, man ihm gar Junggesellensteuer von der Gage abziehe…

Den amüsanten Zeitungsartikel hat Dorothee Schön im Kästner-Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach entdeckt. Sie hat jahrelang recherchiert, die Schwester von Hans-Albrecht Löhr ausfindig gemacht und gesprochen. Die erste Drehbuchfassung lag schon 2008 vor, doch als Kinofilm ließ sich das Projekt nicht realisieren. Die Produzenten Roswitha Ester und Eva Holtmann gaben jedoch nicht auf und erreichten eine Finanzierung als Fernsehfilm. «Kästner und der kleine Dienstag» ist eine Gemeinschaftsproduktion von Ester Reglin Film und Dor Film Köln in Koproduktion mit Dor Film Wien, ARD Degeto, WDR und ORF, gefördert vom Fernsehfonds Austria (RTR) und dem Filmfonds Wien.

Die Freundschaft zwischen dem vaterlosen Jungen und dem kinderlosen Schriftsteller wurde durch die Machtergreifung der Nazis auf eine harte Probe gestellt: Eben noch konnte der Junge damit angeben, dass er einen berühmten Kinderbuchautor kennt, da ist Kästner plötzlich verboten und verfemt. «Man muss sich das so vorstellen», erklärt Dorothee Schön, «es ist, als wenn ein kindlicher Fan von Harry Potter Frau Rowling Briefe schreibt, sie kennenlernt und ihr Herz gewinnt, bei der Verfilmung in der Rolle des Ron Weasley mitspielen darf – und dann ist das plötzlich alles verboten. Die Bücher werden öffentlich verbrannt, Frau Rowling darf nicht mehr schreiben, und die Mitschüler, die den kleinen Darsteller früher glühend beneidet haben, sitzen im Klassenzimmer in paramilitärischen Uniformen neben ihm und feixen gehässig.»

Das Idol wird zur Gefahr für den Jungen, doch Hans Albrecht Löhr hielt trotzdem zu ihm. Die Zeugnisse, die Dorothee Schön in Archiven ausgegraben hat, belegen es. Die beiden trafen sich auf dem Weihnachtsmarkt und in Cafés. Als der Krieg ausbrach, wurde Hans-Albrecht Löhr (Jahrgang 1922) ein «Primaner in Uniform». Er fiel am 22. August 1942 in Russland, begraben auf dem Soldatenfriedhof Korpowo, Block 16, Reihe 23, Grab 1435. Bis auf eine Ausnahme hat keiner der Jungen, die in dem «Emil»-Film von 1931 mitspielten, den Krieg überlebt.

Drehpause. Für Florian David Fitz sind die Filmaufnahmen eine Reise in seine Kindheit, schließlich hat er, «wie meine ganze Generation», damals alle Kästner-Bücher gelesen. Und die Kästner-Filme gesehen, ergänzt Wolfgang Murnberger, dessen Eltern ein Kino hatten. Aber «Kästner und der kleine Dienstag» bedient nicht nostalgische Gefühle, der Film hat eine historisch-politische Dimension: Kästner blieb in Deutschland, obwohl er ein verbotener Autor war und – natürlich ist diese Szene im Film zu sehen – Zeuge der Bücherverbrennung, darunter seiner eigenen Bücher, wurde. Die Geschichte, die der Film erzählt, handelt von Freundschaft, Loyalität, Aufrichtigkeit und davon, dass wir nicht alle zum Helden geboren sind.





Bild: © Ester.Reglin.Film / Dor Film
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