Pipapo – Die Geschichte eines Drehbuchs

Ein Autor verarbeitet seine – nicht untypischen – Filmerfahrungen zu einem Hörspiel, es wird produziert und gesendet, doch verschwindet es danach im Giftschrank: Gesperrt für jegliche Wiederholungen und Übernahmen. An «Pipapo – Die Geschichte eines Drehbuchs» von Hans Werner Richter, der Begründer der Gruppe 47, störte sich die Berliner Capitol-Filmgesellschaft, für die Richter an dem Drehbuch von «Vor Gott und den Menschen» (Regie Erich Engel, 1955) mitgearbeitet hatte. Er schrieb sein Hörspiel um und gab ihm einen neuen Titel: «Der große Verzicht». Der Bayerische Rundfunk produzierte, doch wieder intervenierte die Filmfirma, drohte mit einer Einstweiligen Verfügung, und die Sendung wurde aus dem Programm genommen.

Die Geschichte geht jedoch noch weiter. Der Filmregisseur Michael Kehlmann richtete den Text als Fernsehspiel ein – neuer Titel: «Die Weichen sind falsch gestellt» –, der Hessische Rundfunk brachte es in das ARD-Programm ein. In der «HörZu» wird die Sendung für Samstag, den 10. März 1956, bereits angekündigt, doch wieder fand sie nicht statt.

Die Geschichte blieb nicht unbemerkt: Der «Spiegel» berichtete über die Querelen im Rundfunk, die «Zeit» über die Absetzung des Fernsehspiels. Es gibt sogar einen Wikipedia-Eintrag über «Pipapo – Die Geschichte eines Drehbuchs». Doch Richters umstrittener Text blieb unveröffentlicht. Das Manuskript in beiden Versionen, 38 Seiten und 49 Seiten Schreibmaschine, ist jedoch erhalten geblieben: In den Akten des Anwalts Dr. Gert Bollack, der damals die Capitol-Film GmbH vertrat und die sich heute im Aktenbestand UFA im Bundesarchiv Berlin befinden.

«Dies ist die Geschichte eines Drehbuchs», meldet sich eingangs der Regie-Assistent zu Wort. «Ich war der letzte, der in diesem Drehbuch herumschrieb, doch ich kann gar nicht schreiben. Ich hab es nie gekonnt. Auch der Regisseur konnte nicht schreiben, und die Schauspieler konnten es nicht und auch die Dramaturgen waren schreibende Dilettanten, doch sie alle veränderten das Drehbuch noch im Atelier...»

Der Regie-Assistent erzählt, wie es dazu kommen konnte, ja musste. Produktionschef Herbert Muhl von der Ariopol-Film steht unter Druck, waren seine letzten Filme doch Verlustgeschäfte für den Verleih, ohne den sich kein Film finanzieren lässt. Dramaturg Lahmritter hat eine Idee: ein Melodrama um einen totgesagten Mann, der nach zehn Jahren nach Hause kommt, seine totgeglaubte Frau wiederfindet – natürlich verheiratet – und sich darauf eine Kugel durch den Kopf schießt.

Bevor die Story aber entwickelt wird, denkt man schon an die Besetzung. «Wen haben wir denn im Vertrag?» ist ein Kriterium, noch wichtiger jedoch: «Auf wen springt der Verleih?» Außerdem braucht man einen Regisseur mit Namen. Franz Henkel denkt eher daran, wie er seinen guten Ruf von einst wiederherstellen kann. «Ich muss jetzt endlich einen Stoff haben, aus dem ich etwas machen kann», erklärt er voller Emphase seiner Frau, «einen Film, in den mir niemand hineinredet, einen realistischen Film, der das deutsche Ansehen auf dem Gebiet des Films wieder herstellt», worauf seine Grete nur trocken ergänzt: «… mit ein bisschen Pipapo.» Das ist das Zauberwort. «Es umreißt jenes gesamte Klischee-Reservoir, über das der deutsche Film noch aus den Zeiten der Ufa verfügt. Es heißt Herz, Schmerz, wehende Birken am Straßenrand über jungen, liebenden und leidgequälten Paaren.»

Fürs Pipapo ist der Drehbuchautor zuständig. Dramaturg Dr. Model setzt seinen Freund Gustel Brambach durch, nachdem Produktionschef Muhl seine Bedenken zurückgestellt hat: «Für den Anfang ist er vielleicht der Richtige. Routine hat er ja genug ...» Und teuer ist er auch nicht: Für 10 000 Mark bekommt man von ihm ein Spielfilm-Drehbuch inkl. Exposé und Treatment.

Autor Brambach zieht sich zur Arbeit in die oberbayerischen Berge zurück. Er hat noch nicht richtig begonnen, da erhält er auch schon das erste Telegramm von der Ariopol: «Nach eingehender Besprechung zur Ansicht gekommen, dass Schluss unbedingt geändert werden muss. Überflüssige Dramatik nicht erwünscht. Kein Selbstmord, Selbstmord unpopulär. Happy-End! Alle drei verstehen sich. Frau bleibt beim zweiten Mann.»

Während Brambach «zu häkeln» beginnt – nach dieser Methode schreibt er, «einen Totgeglaubten links, einen Totgeglaubten rechts, und eine Masche aufnehmen» –, versucht Produktionschef Muhl inzwischen, den Publikumsliebling Dietrich Opanz für die Hauptrolle zu gewinnen: «Sie stehen voll im Mittelpunkt. Toller Abgang für Sie. Ein Dietrich-Opanz-Film, wie er im Buch steht. Nein, das Buch liegt noch nicht vor...»

Bei Brambach in Oberbayern treffen weitere Telegramme ein: «Großer Abgang für Dietrich Opanz. Edel, mit Anflug bis zum Tragischen, aber Tragik selbst aussparen.» «Frauenrolle auf Anne Meerganz zuschreiben, weiblich, süß, hingebend, keine Entgleisung. Vorbild: deutsche Frau, treu, zuverlässig, aufrecht. Aber kein Kitsch, bitte.» «Da alle männlichen Schauspieler bereits die Fünfzig überschritten haben, Rückblenden auf Jugendjahre unbedingt vermeiden.» Während der Autor versucht, alle Wünsche unter einen Hut zu bringen, bestellt der Produzent beim Komponisten schon einmal Musik – «Orgel müsste es sein, viel Orgel», schließlich handelt es sich um einen Problemfilm.

Kein Kitsch – Brambach muss das falsch verstanden haben. Das Skript wird dem Autor von den Ariopol-Gewaltigen um die Ohren geschlagen: Man vermisst alle großen, tragenden und erhebenden Momente, die der Stoff bietet. «Keine Orgelmusik, keine Kirchen, kein Gebet, keine heiligen Erschütterungen und keine wehenden Birken am Straßenrand, untermalt von dem Schicksalsmotiv des modernen Odysseus.» Brambach wird abgelöst (und darf mit der halben Gage, 5000 Mark, nach Hause gehen).

Der neue Autor ist «der beste Autor, den wir bekommen können»: Erich Diehl, bekannt durch seine Illustrierten-Romane. Der Mann kostet – 25000 Mark, verbunden mit der Auflage, dass er den vom Verleih gewünschten Schauspieler Opanz ins Boot holt. Er trifft sich in einer Hotelhalle mit dem eitlen Star, der gleich seine Vorstellungen entwickelt: «Ich denke an ein seriöses Ärztemilieu. Ich selbst Chefchirurg mit berühmtem Namen...»

Machen wir es kurz: Was Diehl abliefert, gefällt auch nicht. Inzwischen steht der Drehtermin fest, so kommt Produktionschef Muhl zu der Einsicht: «Es ist Zeit, dass wir endlich einen versierten Drehbuch-Autor an den Stoff setzen.» Der heißt Georg Mauser. Es wird weiter gebastelt, Diehl und Mauser, der Regisseur, die Dramaturgen, noch während der Dreharbeiten flickt der Regie-Assistent am Buch herum.

Dann kommt die Premiere. Das Filmtheater ist ausverkauft bis auf den letzten Platz. In der ersten Reihe sitzen die Direktoren der Ariopol, der Regisseur Franz Henkel, die Schauspieler. Irgendwo hinten die beiden Autoren Georg Mauser und Erich Diehl. Die Geschichte hat nichts mehr mit ihnen zu tun. Doch dann stellt Diehl, während der Film läuft, überrascht fest: «Der Satz eben war von uns!» «Wie hieß er denn?» «Guten Abend, Anne.» Es ist der einzige Satz, der von ihrer Arbeit übrig geblieben ist.

«Pipapo – Die Geschichte eines Drehbuchs» wurde am 18. Oktober 1955 vom NWDR gesendet. Insider erkannten natürlich sofort, dass die Satire inspiriert war von einem Film, der gerade in den Kinos lief. In dem Melodrama «Vor Gott und den Menschen» ging es ebenfalls um unbewusste Bigamie: Die Rechtsanwältin Maria (Antje Weisgerber), «eine der Frauen, denen der Krieg Heimat und Angehörige nahm» («Illustrierte Film-Bühne»), hat den kriegsblinden Kollegen Martin (Viktor de Kowa) geheiratet, nachdem ihr Mann Georg (Hans Söhnker) vermeintlich in Russland gefallen ist. Das Happy End: Die Frau bleibt bei ihrem zweiten Mann. «Drehbuch Kurt Heuser und Hans Werner Richter nach einer Film-Novelle von Heinrich Oberländer» lauteten die Vorspann-Credits.

Bei der Capitol-Filmgesellschaft konnte man über die Satire nicht lachen. Dem NWDR-Abteilungsleiter Rüdiger Proske wurde mitgeteilt, Richters Hörbild enthalte «erkennbare Bezüglichkeiten» zu ihrem Film. Anwalt Bollack hatte sich den Text von «Pipapo – Die Geschichte eines Drehbuchs» besorgt, ebenfalls das hektografierte Sendeskript von «Der große Verzicht». Die Kehlmann’sche Textfassung für das Fernsehen dagegen kannte er nicht: Es war reiner Bluff, als er dem Sender mit einer Einstweiligen Verfügung drohte. In einem Aktenvermerk für seinen Mandaten steht, dass man, da der Text nicht vorliege, erst die Sendung abwarten müsse, um eventuell danach Schadensersatzansprüche zu stellen. Aber der aufgeschreckte Sender, der den Konflikt scheute, beeilte sich, per «Luftpost Einschreiben» am 5. März 1956 Rechtsanwalt Bollack mitzuteilen, dass «Die Weichen sind falsch gestellt» abgesetzt worden sei «aus programmtechnischen Gründen».

© Michael Töteberg


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