«Es war einmal Indianerland» sorgt für Streit bei der FBW

Selten war sich die Filmkritik so einig: «Es war einmal Indianerland», der Kinofilm nach dem Roman von Nils Mohl, erhielt überall enthusiastische Besprechungen. Ein Blick in die Pressemappe:

«Rasant und bis zuletzt unvorhersehbar erzählt der Film von Schönheit, Schmerz und Stress des Erwachsenwerdens. Ein ungewöhnliches wie mitreißendes Kinodebüt.» NEON

«Schriller Musikclip, träumerisches Märchen, Roadmovie und Coming-of-Age-Geschichte – mit seiner Verfilmung des Romans von Nils Mohl schafft Ilker Çatak ein ganz eigenes Genre.» epd Film

«Alles das ist mitreißend und vital, existenziell intensiv, ebenso spielerisch wie verbindlich, mal skurril oder surreal, gespielt von großartigen jungen Darstellern.» Filmdienst

«Hier passt alles zusammen: Die Geschichte aus Wahrnehmungsfetzen, dieses doppelbödige Spiel mit den Bildern, die Akteure, die den Sound der Vorstadt im Ohr haben und der Regisseur, der eben keine Angst hat vor so einem Wirbel an Experimenten.» Kulturradio

«Ilker Çataks Romanverfilmung ist der aufregende Versuch, die Jugend als irre Ballung von Gefühlen und Traumbildern zu erzählen: ein Selbstfindungstrip als stilisierte Mix aus Videoclip und Teenie-Märchen.» Süddeutsche Zeitung

«Ilker Çatak gelingt ein wunderbar schräger Film über das Erwachsenwerden. Zum Elektro-Soundtrack von Acid Pauli erlebt der Zuschauer einen Trip ins Gemüt von Mauser – voller Gedankensprünge, Neonfarben, funkelnder Sterne, Aufputschmittel und Feenstaub. Die Komödie wirkt wie ein eisgekühlter Erdbeershake mit Energizer-Effekt, die im Geiste von ‹Trainspotting› das Zeug zum Kultfilm hat.» NDR

Die Zitatenschau ließe sich fortsetzen. Nicht einig war sich jedoch die FBW.

Es gibt von alters her zwei Institutionen im deutschen Filmwesen, wo man überrascht ist, dass es sie noch immer gibt: die FSK, die Freiwillige Selbstkontrolle der deutschen Filmwirtschaft, und die FBW, die Filmbewertungsstelle in Wiesbaden. Dort wurde heftig über den Film gestritten.

Aus dem Protokoll der Jury-Sitzung:
«Ilker Çatak hat die schrille Coming-of-Age-Geschichte aus einer städtischen Hochhaussiedlung verfilmt, genauso schrill, genauso hastend und donnernd wie die Buchvorlage. ‹Es war einmal Indianerland› stellt gewohnte Rezeptionskonzepte in Frage. Das ist mutig, kann aber auch schief gehen. Der Film orientiert sich dabei dramaturgisch an der Buchvorlage. Er springt in den Zeitebenen, verknüpft sie assoziativ und will damit Einblicke in die Wahrnehmung des Protagonisten gewähren. Aber, so urteilt die Jury, Konzepte, die im Printbereich Erfolg haben, müssen nicht unweigerlich auch im Film reüssieren.
In der Diskussion zeigte sich: ‹Es war einmal Indianerland› polarisiert. So übte ein Teil der Jury Kritik an der Dramaturgie Çataks. So wild und bunt sich der Film gibt, so überdreht schienen ihr die üppigen Party-Szenen. Insbesondere die Pow-Wow-Story im letzten Teil des Films wirkte auf sie etwas aufgesetzt und zu lang. Im Gegenzug wünschte sie sich dagegen mehr Tiefgang bei den Charakteren.
Demgegenüber erkannte ein anderer Teil der Jury künstlerische Finesse in der Dramaturgie des Films. Dialoge, die an Hörspiele von Alfred Andersch erinnern, und Assoziativketten, die seit Anfang der 1970er Jahre kaum noch auf der Leinwand zu erleben sind, überzeugten hier. Dementsprechend wurde auch die Charakterisierung der Darsteller als aus der Verstörung des jugendlichen Darstellers begriffen und als völlig treffend bewertet.
In der ausgiebigen Diskussion zeigte sich weiterhin, dass die Jury die Qualität des Films sehr unterschiedlich wertete. Letztlich setzte sich eine Mehrheit durch, die künstlerischen Qualitäten der jugendlichen Milieustudie zu beachten und dem Film aufgrund dieser eindeutigen Qualitäten das Prädikat ‹Besonders wertvoll› zu verleihen.»
Also doch: Besonders wertvoll!

In der Begründung liest man nichts mehr von dem Streit. Da wird in wohlgesetzten Worten der Film gewürdigt:
«Für sein Langfilmdebüt ‹Es war einmal Indianerland› kreiert der Filmemacher Ilker Çatak ein ganz eigenes Universum, irgendwo zwischen bunter Fantasiewelt und hyperrealistischem Sozialmilieu. Denn das ist die Welt, in der sich Çataks Held Mauser, den Newcomer Leonard Scheicher angenehm zurückhaltend spielt, bewegt, und es ist seine Perspektive, durch die der Zuschauer eben diese Welt wahrnimmt. Und so ist vieles überzeichnet, vieles schräg und schrill und fast schon comichaft in Sprache, Schnitt und Sound. Besonders gilt dies für die äußerst kreative und bildgewaltige Inszenierung des Festivals, bei dem, auch aufgrund der drogengeschwängerten Atmosphäre, Farben und Figuren einen wahren Tanz veranstalten. Auch mit den Zeitebenen spielt Çatak mit hohem Tempo, springt in der Story vor- und rückwärts, erzählt Situationen erneut, wechselt die Perspektive und den Kontext. Doch Çatak lässt auch ruhige verträumte Momente zu und zeigt auf diese Weise die Verlorenheit von Mauser, der sich erst noch finden muss und erzählt darüber hinaus eine wunderschöne Liebesgeschichte zwischen ihm und Edda, die Johanna Polley als willensstarke junge Frau verkörpert und zudem die amüsantesten Dialoganteile erhält. Jungstars wie Emilia Schüle und Joel Basman ergänzen das starke Ensemble. ‹Es war einmal Indianerland› ist deutsches Nachwuchskino, das formal und inhaltlich großen Mut beweist und die Spielwiese des Films mit großer Freude auf jede erdenkliche Weise nutzt.»

«Es war einmal Indianerland» läuft derzeit im Kino. Regie: İlker Çatak. Drehbuch Nils Mohl, Max Reinhold, nach dem Roman von Nils Mohl. Mit Leonard Scheicher, Johanna Polley, Emilia Schüle, Clemens Schick, Johannes Klaußner, Joel Basman und Bjarne Mädel. Kamera: Florian Mag. Schnitt: Jan Ruschke. Musik: Acid Pauli. Produktion: Riva Filmproduktion in Koproduktion WDR, HR und ARTE.

Bilder: © Riva Film / Florian Mag / Ayda Arbatli
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