Romanautor Volker Kutscher über «Babylon Berlin»

Weltpremiere im Berliner Ensemble: Die mit Spannung erwartete Serie «Babylon Berlin» wird am 28. September erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Das legendäre Haus am Schiffbauerdamm, das mit Brechts «Dreigroschenoper» in denselben Jahren Erfolge feierte, in denen «Babylon Berlin»-Kommissar Gereon Rath ermittelt, bietet den idealen Rahmen für die Uraufführung. In der Serie spielt zudem ein großer politischer Attentatsversuch im Berliner Ensemble. Am 2. Oktober folgt dann die Österreich-Premiere in Wien. Im Fernsehen wird «Babylon Berlin» ab dem 13. Oktober erst auf Sky ausgestrahlt, Ende 2018 dann im Ersten.

Drogen und Politik, Mord und Kunst, Emanzipation und Extremismus, das ganze Panoptikum der Roaring Twenties erzählt «Babylon Berlin» auf Basis der international erfolgreichen Bestseller-Reihe von Volker Kutscher um Kommissar Gereon Rath.

Als er 2007 den ersten Teil seiner Romanreihe über Kriminalkommissar Gereon Rath vorlegte, betrat Volker Kutscher mit «Der nasse Fisch» literarisches Neuland. Historienkrimis, die zur Zeit der Nazi-Herrschaft in Deutschland spielen, gab es bereits, nicht jedoch einen Romanzyklus, der sich mit dem letzten Aufbäumen der «goldenen» 1920er Jahre beschäftigt.

Diese besonders spannende, weil von extremen gesellschaftlichen Umbrüchen geprägte Phase deutscher Geschichte kombiniert Kutscher in seinen Büchern mit klassischen Noir-Elementen, die Hardboiled-Autoren wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler zur gleichen Zeit in den USA zu Papier gebracht hatten. Dieses Konzept spiegelt sich auch in der Wahl des aus Köln nach Berlin versetzten Kommissars wieder. An der Seite des ehrgeizigen aber politisch desinteressierten Antihelden erkundet der Leser das damalige «Chicago an der Spree» und erlebt gleichzeitig stellvertretend mit, wie es dazu kommen konnte, dass in einer jungen Demokratie mit vielversprechenden modernen Ansätzen der Faschismus das Ruder übernehmen konnte.

Gereon Raths Kriminalfälle sind aufwendig recherchierte Geschichtsstunden, in denen der Autor fiktive und real existierende Figuren mit einschneidenden historischen Ereignissen konfrontiert, ohne dabei den Krimiplot aus den Augen zu verlieren. Dabei bedient sich Kutscher eines packenden szenischen Schreibstils, der nicht nur die rauschhafte Welt der untergangsgeweihten Weimarer Republik detailgetreu zum Leben erweckt, sondern auch die perfekte Basis für eine Verfilmung bietet. Kutscher nennt als Inspiration neben der richtungsweisenden HBO-Serie «Die Sopranos» auch die Tatsache, dass er Ende 2002 kurz nacheinander zwei Filme gesehen hat: Sam Mendes’ 1931 spielenden Hardboiled-Gangsterfilm «Road to Perdition» und Fritz Langs im Berlin des Jahres 1931 entstandenes Meisterwerk «M – Eine Stadt sucht einen Mörder».

Von Band zu Band vergrößerte sich die Lesergemeinde der Romane. X-Filme war übrigens nicht die erste Filmproduktion, die die Gereon-Rath-Reihe verfilmen wollte. «Tatsächlich war es so, dass zwei Firmen eine Option erwarben», erzählt Volker Kutscher. «Ich hatte aber den Eindruck, man wollte sich den Stoff sichern, wusste aber noch nicht, was man damit machen wollte. Das war das Schöne, als ich dann das erste Mal Tom Tykwer gegenüber saß und wir uns kennenlernten: Ich merkte gleich, der weiß ganz genau, was er will. Der sprühte vor Ideen! Ich fand es total klasse, dass es da nicht um irgendwelche strategischen Überlegungen ging, sondern direkt um den Inhalt und den Stoff.»

Er habe sich total gefreut, als er erfuhr, dass die Verfilmung als Serie angedacht war: «Der nasse Fisch», der erste Roman der inzwischen sechs Bände umfassenden Reihe, in – damals noch 12, später wurden daraus 16 – Folgen. Kutscher: «Ich habe Tom gesagt: Macht mit dem Stoff, was er bei euch auslöst. Solange ihr meine Figur nicht verratet und meine Romane nicht verratet, habt ihr vollkommene Freiheit.»

Und dann bekam er die Drehbücher und war doch erst einmal geschockt: Da musste er ziemlich viel lesen, was nicht (oder ganz anders) im Roman stand, vor allem so manche Figuren ganz anders angelegt. «Aber das ist durchaus sehr plausibel», sagt er heute, «weil dadurch die Welt weiter wird. Man schaut in viel mehr Milieus rein. Ein Beispiel ist Charly: Bei mir kommt sie aus kleinbürgerlichen Beamtenverhältnissen, Kleinfamilie. Und in ‹Babylon-Berlin› kommt sie aus einer Arbeiterfamilie, die auf engstem Raum lebt. Und dieses Arbeitermilieu, das bei mir im Roman nur am Rande vorkommt, ist dadurch mit ins Zentrum gerückt. Das ist ja auch nicht ganz unwichtig, bei dem ganzen Glamour, der dort herrschte. Die Party-Stadt Berlin gab es damals in den 20er Jahren wirklich, aber ebenfalls ein Elend, was wir uns heute kaum noch vorstellen können.»

Mehrmals war Kutscher am Set, u.a. bei den spektakulären Szenen in dem mondänen Etablissement «Mokka Efti» (gedreht in dem «Ehemaligen Stummfilmkino Delphi» in Berlin) und auf dem Drachenfels über dem Rhein (Schauplatz: die Villa eines Stahlbarons, der mit der Schwarzen Reichswehr paktiert).

Aber erst jetzt – bis zum Schluss wurde noch an der Postproduktion gearbeitet – hat er Anfang August in dem kleinen Vorführkino bei X Filme die Serie (alle 16 Folgen) gesehen.

Nach der Sichtung schilderte er seine Eindrücke zu «Babylon Berlin»:
«Es ist schon ein eigentümliches Gefühl, wenn die eigene Imagination plötzlich Formen annimmt, wenn Figuren, die bislang nur in Gedanken und in der Phantasie existierten, plötzlich sichtbar und lebendig werden. Auch wenn ich schon einige Bilder und Szenen kannte, mir die Optik von ‹Babylon Berlin› also nicht völlig fremd war, so war es doch etwas ganz anderes, die Geschichte zum ersten Mal erzählt zu bekommen und wirklich abzutauchen in die Welt von ‹Babylon Berlin›. Denn genau das tut man, wenn man sich diese Serie anschaut: Man taucht ein in das Berlin des Jahres 1929, ist ganz nah bei den Figuren mit ihren je eigenen Sorgen und Nöten, Hoffnungen und Leidenschaften. Volker Bruch ist Gereon Rath. Liv Lisa Fries ist Charlotte Ritter. Peter Kurth ist Bruno Wolter. Die Figuren leben.

Und es ist eben nicht nur eine Welt, es sind viele Welten, die sich in ‹Babylon Berlin öffnen: die von politischem Denken und egoistischen Motiven durchzogene Welt des Polizeipräsidiums, die Enge und das Elend des Arbeitermilieus, der unvorstellbare Reichtum der Großindustriellen, die Arroganz der alten wirtschaftlichen und militärischen Eliten, die Heimeligkeit und Spießigkeit des Kleinbürgertums, die Gewalt der Straßenschlachten, der politischen Kämpfe und der Unterwelt, der Glamour und die Abgründe des Berliner Nachtlebens, das Nebeneinander von Moderne und Rückwärtsgewandtheit, und, und, und.

Das ist ja das Schöne an dieser TV-Adaption. Meinem Buch ‹Der nasse Fisch› blieb das Schicksal erspart, das die filmische Adaption eines Romans normalerweise mit sich bringt: Er wurde für die Verfilmung nicht gekürzt, sondern bekam ganz im Gegenteil alle Zeit, die er braucht: In zwölf Stunden kann die Geschichte so episch entfaltet werden, wie es der Stoff verlangt. Und es macht Freude zu sehen, wie unglaublich gut ‹Babylon Berlin› diese komplexe Geschichte erzählt.»

Die Gereon-Rath-Romane von Volker Kutscher sind erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Zuletzt erschien 2016 Band sechs: «Lunapark». Im Frühjahr kam «Der nasse Fisch» als Comic, gezeichnet von Arne Jysch, bei Carlsen heraus. Anfang Oktober erscheint «Moabit», ein bibliophil ausgestattet Prequel zur Romanreihe, bei Galiani. Auch im Ausland sind die Romane erfolgreich. Der englische Verlag Sandstone Press hat reagiert und veröffentlicht «Der nasse Fisch» unter dem Titel «Babylon Berlin».
Die Serie «Babylon Berlin» ist eine Produktion von X Filme Creative Pool (mit ARD Degeto, Sky und Beta Film). Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries zeichnen gemeinsam für Buch und Regie verantwortlich.

Fotos: © X Filme Creative Pool Entertainment / Kiepenheuer & Witsch / Sandstone Press

Romanautor Volker Kutscher über «Babylon Berlin»

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